16.06.2017 00:36 | Peppi Schmitt

Eintracht Frankfurt: Marco Russ: Der Sieger der Saison

Frankfurt Marco Russ wieder auf dem Spielfeld – das war wie ein Märchen, wie eine Sensation. Begonnen hatte alles mit einer niederschmetternden Diagnose.

Zurück im Leben und bei den Mitspielern auf dem Platz: Marco Russ mit Töchterchen Vida auf dem Arm, Danny Blum und Mijat Gacinovic (links) Foto: Klein
Zurück im Leben und bei den Mitspielern auf dem Platz: Marco Russ mit Töchterchen Vida auf dem Arm, Danny Blum und Mijat Gacinovic (links) Foto: Klein Bild: Christian Klein (FotoKlein)

Das Pokalspiel gegen Arminia Bielefeld war fast vorbei. Die Eintracht zitterte sich dem Ende entgegen. Nach einem Tor von Danny Blum führten die favorisierten Frankfurter gegen den Außenseiter aus der Zweiten Liga 1:0. Doch die Eintracht wackelte, Bielefeld drängte vehement auf den Ausgleich. Es war der 28. Februar, es war die Zeit, als die spielerische Krise ihren Anfang nahm.

Trainer Niko Kovac hatte kurz vor Schluss eine Idee. Die vierminütige Nachspielzeit hatte begonnen, als er Marco Russ für Aymen Barkok aufs Spielfeld schickte. Klar, zum einen wollte Kovac die Abwehr mit einem weiteren kopfballstarken Spieler stabilisieren, zum anderen aber half diese Einwechslung, auch das Publikum für die letzten Minuten zu motivieren.

Marco Russ wieder auf dem Spielfeld, das war wie ein Märchen, wie eine Sensation. Russ kämpfte auf einem Fußballplatz für einen sportlichen Sieg. In den Monaten zuvor hatte er einen ganz anderen Kampf ausfechten müssen, den schwersten seines Leben.

Am 18. Mai des letzten Jahres war nach mehreren Dopingkontrollen an die Öffentlichkeit geraten, dass bei ihm dramatisch erhöhte Werte des Wachstumshormons HCG festgestellt worden waren. Von Doping war zunächst die Rede, die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, die Wogen in Frankfurt schlugen rund um das Relegationsspiel gegen den 1. FC Nürnberg hoch.

Doch Russ war sich keiner Schuld bewusst und wurde schnell von den Ärzten bestätigt. Die erhöhten Werte hatten nichts mit verbotenen Stimulanzien zu tun, sondern waren durch eine Krebserkrankung aufgetreten.

Trotz der niederschmetternden Diagnose wollte Russ gegen Nürnberg spielen. Trainer Kovac stellte ihn auf, doch es wurde ein ganz, ganz schwerer Abend. Ausgerechnet Russ brachte die Gäste mit einem Eigentor in Führung, Mijat Gacinovic gelang immerhin noch der Ausgleich. Doch damit war es an diesem Abend nicht getan. Russ sah die Gelbe Karte, es war seine fünfte, fürs Rückspiel war er gesperrt.

Der eine oder andere Nürnberger, wie Trainer Rene Weiler und Torwart Raphael Schäfer, fielen durch unangemessene Kommentare auf. Später haben sie sich dafür entschuldigt. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ließ bei ihren juristisch vorgeschriebenen Untersuchungen ebenfalls jedes Fingerspitzengefühl vermissen. Und auch im einen oder anderen Medium waren die selbst ernannten „Dopingjäger“ trotz eindeutiger Beweise der Unschuld übers Ziel hinausgeschossen.

Russ aber musste nun den Kampf um sein Leben aufnehmen. Die operative Entfernung des Tumors wurde an jenem Tag durchgeführt, als die Eintracht sich in Nürnberg rettete. „Es war kurz vor knapp und nicht so, dass man die OP hätte verschieben können“, hat Russ später erzählt.


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Zurück zu jenem trüben Dienstag Ende Februar. Ein paar Wochen vorher war Russ nach langer Reha in den Kreis der Mannschaft zurückgekehrt. Sein erstes persönliches Ziel, die Teilnahme am Trainingslager in Abu Dhabi, hatte er geschafft. Das zweite Ziel, wieder zu spielen, nun auch. Die Einwechslung, der tosende Jubel der Zuschauer, die ersten wenigen Ballkontakte, dies alles habe er wie in Trance wahrgenommen. „Es war höchst emotional“, sagt er. Nach dem Spiel stand er mit seinen Kindern an der Hand und auf dem Arm vor der Fankurve und wurde gefeiert, die eine oder andere Träne ist auch geflossen.

Im Grunde ist es DIE Geschichte der Saison, nicht nur bei der Eintracht, sondern in der ganzen Liga. Marco Russ ist DER Sieger der Saison. Die Kollegen hatten Anteil genommen an Russ’ Kampf, egal ob im eigenen Team oder bei der Konkurrenz. Wer Russ bei seinem ersten öffentlichen Auftritt Anfang August bei der offiziellen Saisoneröffnungsfeier der Eintracht gesehen hatte, ohne Haare, von den Medikamenten gezeichnet, hätte sich eine so schnelle Rückkehr nicht vorstellen können.

Russ hatte in den Monaten zuvor all die schweren Momente der Krankheit hinter sich bringen müssen, Bestrahlungen, Chemotherapien, eine Operation, mit all den Nebenwirkungen, mit all den Rückschlägen. „Da hat mich der Fußball überhaupt nicht mehr interessiert“, sagt er, „das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit, alles andere ist zweitrangig“. Das Spiel gegen Bielefeld war der Anfang des Comebacks.

Bis zum Saisonende sind noch vier Bundesligaspiele hinzugekommen, dann auch noch ein weiteres Pokalspiel. Beim Halbfinalerfolg in Mönchengladbach gehörte der 31 Jahre alte Russ zu den erfolgreichen Frankfurter Elfmeterschützen. Und das Märchen geht weiter: In ein paar Wochen nimmt Marco Russ mit der Eintracht die Vorbereitung für die neue Saison auf. Der Club hatte, wie versprochen, den Vertrag bis 2019 verlängert.

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