19.06.2017 21:18 | Von Sebastian Stiekel, Arne Richter und Ulrike John, dpa

Videobeweis: Mehr Gerechtigkeit oder mehr Verwirrung?

Moskau Tor oder nicht Tor? Das ist im Fußball die entscheidende Frage. Beim Confed Cup wurde sie zuletzt gleich vier Mal mit Hilfe des Videobeweises geklärt. Doch wurden auch die Schwächen dieses Systems offenbar. Auch Deutschland erlebt den Videobeweis erstmals hautnah.

Nach Nutzung des Videobeweises wurde ein Tor der Chilenen gegen Kamerun aberkannt. Foto: Pavel Golovkin Bilder >
Nach Nutzung des Videobeweises wurde ein Tor der Chilenen gegen Kamerun aberkannt. Foto: Pavel Golovkin

Jahrelang haben Fans, Spieler und Experten im Fußball die Einführung des Videobeweises gefordert. Doch kaum wird er jetzt beim Confederations Cup in Russland zumindest testweise angewendet, sind die Diskussionen beinahe schon wieder so groß wie vorher.

Auch die deutsche Mannschaft machte beim 3:2 gegen Australien zum Turnierauftakt ihre erste Erfahrung. Bundestrainer Joachim Löw schlug sich nach dem Spiel auf die Seite der Befürworter. „Ich glaube, dass man etwas abwarten muss. Es ist für uns alle etwas ungewohnt, wenn der Schiedsrichter das Spiel für ein, zwei Minuten unterbricht. Aber bislang hat es sich bewährt”, sagte er im ZDF.

Nach dem zweiten Treffer der Australier durch Tomi Juric (56.) hatte US-Schiedsrichter Mark Geiger den Videobeweis wegen eines möglichen Handspiels des Torschützen gefordert. Schließlich entschied er zu Recht auf Tor. Am Montagabend meldete sich auch FIFA-Präsident Gianni Infantino zu Wort und lobte das neue System.

Er sei „extrem glücklich” mit der technischen Unterstützung für die Schiedsrichter, sagte der Chef des Weltverbands. Dies sei „die Zukunft des modernen Fußballs”. Die Technik sieht er noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen. „Die Tests mit den Videoreferees während des Confederations Cup helfen uns auch, die Abläufe zu verbessern und die Kommunikation zu verfeinern”, sagte Infantino.

Grundsätzlich positiv sieht auch Chiles Trainer Juan Antonio Pizzi die Innovation. „Es ist wahr: Dieses System kann eine Menge Atemnot hervorrufen”, sagte er. „Am Ende wird die Technologie aber wahrscheinlich mehr Gerechtigkeit in das Spiel bringen.”

Allein das Spiel der beiden deutschen Gruppengegner Chile und Kamerun (2:0) legte am Sonntagabend in Moskau alle Stärken und Schwächen des neuen Systems offen. Gleich zweimal gelang es den Video-Assistenten, bei der alles entscheidenden Frage „Tor oder nicht Tor” einen Fehler des Schiedsrichters zu korrigieren. Beide Male dauerte die Entscheidungsfindung aber so lange, dass es Fans im Stadion, Zuschauer am Fernseher und sogar Spieler auf dem Rasen verwirrte.

In der Fußball-Bundesliga wird der Videobeweis in der kommenden Saison ebenfalls eingesetzt. Bislang durfte der Assistent am Bildschirm dort noch nicht per Funk in die Entscheidungen des Schiedsrichters eingreifen. Das wird sich in einer zweiten Testphase jedoch ändern. Bei der Deutschen Fußball Liga befürchtet man kein Chaos, wie dies beim Confed Cup zeitweise zu beobachten war.

„Wir fühlen uns aufgrund der umfangreichen Vorbereitungen gut gerüstet”, sagte Ansgar Schwenken, DFL-Direktor für Fußball- Angelegenheiten und Fans, am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

„Das gesamte Zusammenspiel beim Thema Video-Assistent erfordert enorm viele Schulungsmaßnahmen und Erfahrungen aus der Praxis. Deshalb ist es von großem Vorteil, dass wir schon in der kompletten vergangenen Saison intensive Tests für den Einsatz des Video-Assistenten bei Bundesliga-Spielen durchgeführt und in Testspielen angewendet haben”, erklärte er weiter. „Somit sind unsere Video-Assistenten sicherlich anwendungssicherer als jemand, der vor einem Turnier in ein paar Tagen Schnellkurs darauf vorbereitet worden ist.”

Beim Confed Cup kam der Videobeweis bei den Spielen zwischen Chile und Kamerun (2:0) sowie Portugal und Mexiko (2:2) je zweimal zur Anwendung. Und die wichtigste Erkenntnis war immer noch: In allen vier Fällen wurde dadurch eine korrekte Entscheidung herbeigeführt.

Die Entscheidungsfindung dauerte jedoch im kürzesten Fall 56 Sekunden und im längsten sogar 2:09 Minuten. Und das führte insbesondere beim Spiel Chile gegen Kamerun zu teils bizarren Szenen. Als der Schiedsrichter dort in der Nachspielzeit das Tor zum 2:0 gab und damit seine ursprüngliche Abseitsentscheidung zu recht korrigierte, dachten viele Zuschauer im Stadion, das sei gerade der Abpfiff.

Umgekehrt hatten die Chilenen längst ausgiebig gejubelt und sich die Spieler aus Kamerun schon wieder zum Anstoß bereit gemacht, als der Videobeweis in der ersten Halbzeit ergab: kein Tor durch Eduardo Vargas. Der frühere Hoffenheimer stand knapp im Abseits.

„Wenn man kein Tor feiern kann, weil das erstmal überprüft werden muss, nimmt das dem Fußball die Essenz weg”, klagte Chiles früherer HSV-Profi Marcelo Diaz am Montag. Gerade Vargas' nicht gegebener Treffer gegen Kamerun zeigte zudem: Manchmal sind Abseits-Positionen selbst mit Hilfe bewegter Bilder nur schwer zu erkennen.

Hinter den Kulissen wurde von der FIFA eingeräumt: Die Präsentation der Abläufe ist gerade für die Zuschauer im Stadion und am Fernseher verbesserungswürdig. Zum Beispiel könnte die Nutzung des Videobeweises auch über die Anzeigetafel angekündigt werden statt wie bislang nur durch eine schwer erkennbare Geste des Schiedsrichters.

Der weitere Fahrplan steht dagegen schon einmal fest. In einem nächsten Schritt wird das System nun auch in einigen nationalen Ligen wie der Bundesliga getestet. Die Ergebnisse werden dann von den Regelhütern des International Football Association Board (IFAB) bewertet. Eine Entscheidung, ob der Videobeweis auch bei der WM im nächsten Jahr eingesetzt wird, fällt im März 2018.

(Von Sebastian Stiekel, Arne Richter und Ulrike John, dpa)

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