12.08.2017 03:30 | Panagiotis Koutoumanos

Uniper als Börsen-Liebling: Von wegen Resterampe!

Frankfurt „Schlimmer geht’ s nimmer.“ Getreu diesem Motto brachte im vergangenen September der Düsseldorfer Energie-Riese Eon die Uniper SE an die Börse. Eine Konzerntochter, die alles vereint, was als Verlierer der Energiewende gilt. Aber seit ihrem Börsendebüt macht die Uniper-Aktie ihrem Namen alle Ehre – und lässt das Papier der damals so vielversprechenden Mutter ganz schön alt aussehen.

Anlässlich der Bekanntgabe der Erstnotierung der Uniper-Aktie läutete Uniper-Vorstandschef Klaus Schäfer am 12. September 2016 die traditionelle Glocke auf dem Frankfurter Parkett.
Anlässlich der Bekanntgabe der Erstnotierung der Uniper-Aktie läutete Uniper-Vorstandschef Klaus Schäfer am 12. September 2016 die traditionelle Glocke auf dem Frankfurter Parkett. Bild: Boris Roessler (dpa)

„Resterampe“, „Schmuddelkind“, „Bad Bank der Energiewende“, „E-off“– „off“ wie abgeschaltet oder abgehängt. Das waren die Schmähtitel, mit denen Kritiker das junge Unternehmen Uniper vor seinem Börsengang im vergangenen September bedachten. Kein Wunder, schien Eon-Chef Johannes Teyssen diesen „Spin-off“ im Rahmen der schmerzhaften Energiewende vor allem als Befreiungsschlag für die Konzernmutter geplant zu haben: Während sich diese künftig um die grüne, zukunftsweisende Energiewelt mit Ökostrom, intelligenten Netzen und innovativen Kundenlösungen kümmern durfte, wurden in Uniper vor allem die Altlasten abgeladen, die dem Düsseldorfer Konzern schon in den Jahren zuvor milliardenschwere Abschreibungen eingebrockt hatten: das Geschäft mit rund 300 konventionellen Gas-, Kohle-, und Wasser-Kraftwerken im In- und Ausland.

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Das Geschäft, das kaum noch rentabel ist, seitdem die subventionierte Ökostrom-Schwemme aus Wind und Sonne den Börsen-Strompreis drückt. Das Geschäft, das sich im Zuge der Energiewende langfristig auflösen soll. Schließlich will Deutschland bis 2050 rund 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen.

90 Prozent Wertzuwachs

Welcher Anleger, der für jede Eon-Aktie in seinem Deport ungefragt eine Uniper-Aktie erhielt, sollte dieses Papier der Altlasten halten? Wer will sich mitten in der Energiewende dauerhaft an einem Sammelsurium beteiligen von verpönten, weil klimaschädlichen Kohlemeilern, von allzu oft stillstehenden, weil teuren Gaskraftwerken, von Wasserkraftwerken sowie Energiehändlern, die Eon der Tochter mit dazu gab? Diese Fragen trieben auch die rund 13000 Angestellten von Uniper SE um, von der Eon 53,35 Prozent an die Börse brachte.

Niemand weiß, wie viele der Eon-Aktionäre noch Anteilseigner von Uniper sind. Aber wer dem neuen Unternehmen treu geblieben ist, hat ein sehr gutes Geschäft gemacht: Die Aktie, die am 12. September mit einem schwachen Kurs von 10,015 Euro gestartet ist, notiert im MDax inzwischen bei über 19 Euro. Sie hat also um rund 90 Prozent an Wert gewonnen, so dass der Energie-Dino an der Börse nun rund sieben Milliarden Euro wert ist. Damit hatten zum Börsenstart selbst die größten unter den wenigen Optimisten nicht gerechnet: Im Schnitt lagen die Uniper-Bewertungen bei 11,50 Euro je Aktie bzw. bei einer Marktkapitalisierung von 4,2 Milliarden Euro. Doch das Unternehmen hat seinem Namen alle Ehre gemacht – Uniper ist eine Kombination von „Unique“ und „Performance“, zu deutsch: einzigartige Leistung. Und es ist eine Leistung, die sich auch im Vergleich zur der im Dax notierten Aktie der Konzernmutter sehr gut sehen lassen kann: Deren Kurs ist seit dem 12. September von 7,39 nur auf 9,26 Euro gestiegen.

Für Eon-Chef Teyssen ist der Erfolg von Uniper dennoch eine Genugtuung: „Inzwischen wird Uniper in den Märkten wertgeschätzt, gibt es ein Vertrauen des Marktes in die Fähigkeit des Unternehmens, die in Aussicht gestellten Dividenden zu zahlen“, so der Manager.

Großzügige Dividenden

Tatsächlich war es die großzügige Dividenden-Politik, die viele Eon-Aktionäre zunächst bei der Stange hielt. Wie versprochen, hat Uniper 200 Millionen Euro fürs vergangene Jahr ausgeschüttet, 55 Cent pro Aktie. Gemessen am Einstiegskurs sind das fünf Prozent Rendite – wahrlich nicht schlecht in Zeiten von Niedrigstzinsen. Und weil das Geschäft im ersten Halbjahr 2017 ordentlich verlaufen ist und Uniper-Chef Klaus Schäfer daraufhin am vergangenen Dienstag die Gewinnprognose fürs laufende Jahr angehoben hat, soll auch für die Aktionäre mehr rausspringen als bislang geplant: 250 Millionen Euro sollen für 2017 an sie ausgeschüttet werden. Gemessen an der derzeitigen Marktkapitalisierung entspricht dies einer Dividenden-Rendite von mehr als 3,5 Prozent. Aber zahlreiche Analysten gehen davon aus, dass der Aktienkurs weiter steigen wird: Berenberg gibt sein Kursziel mit 21 Euro an, die Macquarie Bank sogar mit 22 Euro.

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Getragen werden diese Erwartungen auch von dem Glauben an weiter steigende Großhandelspreise für Strom. Die haben schon sich in den ersten sechs Monaten etwas erholt und im operativen Geschäft von Uniper geholfen – so wie es sich Vorstandschef Klaus Schäfer beim Börsengang erhofft hatte. Das Umfeld für Uniper sei so düster, da könne es nur noch besser werden, hatte er damals immer wieder zum Ausdruck gebracht.

Strompreise erholen sich

Und er scheint Recht behalten zu haben. Tatsächlich war der Strompreis, zu dem Uniper den Strom aus seinen Kohle- und Gaskraftwerken verkaufen kann, damals auf dem Tiefpunkt. Die Megawattstunde kostete kaum mehr als 20 Euro. Das war noch mal deutlich weniger als die gut 30 Euro Ende 2014, als Teyssen die Aufspaltung angekündigt hatte und Lichtjahre entfernt von den gut 50 Euro, die vor der Reaktorkatastrophe von Fukushima und der darauffolgenden Energiewende bezahlt wurden. Inzwischen liegt der Strompreis wieder leicht über der 30-Euro-Marke. Das ist zwar immer noch zu wenig, um große Gewinnsprünge zu machen, aber mit jedem Euro mehr steigen die Erträge.

Und sowohl der Uniper-Vorstand als auch Beobachter gehen davon aus, dass der Strompreis langfristig steigt – spätestens wenn in Deutschland 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen und 2023 die in der „Sicherheitsreserve“ befindlichen Braunkohle-Kapazitäten stillgelegt werden. „Uniper ist am Kapitalmarkt eine Wette auf steigende Strompreise“, bestätigt Thomas Deser, Fondsmanager bei Union Investment. Schäfers Kalkül: Wenn immer mehr Kraftwerke vom Netz gehen, wird der Strompreis steigen; wer überlebt, wird wieder gut verdienen.

Neues Marktmodell?

Zudem hofft der Uniper-Vorstand – wie auch der Essener Konkurrent RWE –, dass die künftige Bundesregierung ein Einsehen hat und doch noch den sogenannten Kapazitätsmarkt einführt. Heißt: Dann würde der Staat schon die Bereitstellung konventioneller Kraftwerke zum Ausgleich der schwankenden Ökostrom-Einspeisung entlohnen – unabhängig davon, ob sie tatsächlich Strom produzieren oder nicht. Zwei Milliarden Euro im Jahr würde dieses Marktmodell den deutschen Steuerzahler laut RWE-Chef Rolf Martin Schmitz voraussichtlich kosten. Stelle man diese Summe den rund 25 Milliarden Euro für die Erneuerbare-Energien-Abgabe entgegen, sei das doch kein zu hoher Preis für garantierte Versorgungssicherheit, argumentieren beide. Zudem verweisen sie auf eine Prognose der Bundesnetzagentur, wonach die Not-Eingriffe der großen Übertragungsnetzbetreiber wie Amprion und Tennet zur Stabilisierung der Stromflüsse im Jahr 2022 die Steuerzahler rund vier Milliarden Euro kosten werden.

„Wir stehen für Versorgungssicherheit. Unsere Kraftwerke machen die Energiewende erst möglich“, werden Schäfer und Schmitz landauf landab nicht müde zu betonen. „Wenn Flaute herrscht und keine Sonne scheint, produzieren Wind- und Solarparks wenig Strom. Dann müssen konventionelle Kraftwerke einspringen. Uniper betreibt nach eigenen Angaben mehr als zwei Drittel dieser sogenannten „systemrelevanten“ Gas- und Kohlekraftwerke in Deutschland.

Drohender Verkauf

In Russland, Großbritannien und Frankreich gibt es diesen Kapazitätsmarkt schon. Und der Energie-Analyst Peter Crampton von der Bank Macquarie hält es für denkbar, dass Deutschland nachziehen muss: „Spätestens 2022 wenn die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden und Unipers Gas- und Kohlemeiler noch wichtiger für die Stromversorgung rund um die Uhr werden“, meint er.

Ob Schäfer dann noch Vorstandschef einer selbstständigen Uniper SE sein wird, ist allerdings alles andere als sicher. Zwar betonte der 49-Jährige bei der Bilanzvorlage am Donnerstag erneut, „dass wir uns in unserer Eigenständigkeit nicht nur wohl, sondern auch ausreichend stark fühlen, um unabhängig zu bleiben“. Die vielzitierte Industrielogik einer größeren Konsolidierung im europäischen Strommarkt erschließe sich ihm nicht – schließlich würden konventionelle Kraftwerke auch in anderen Ländern künftig primär benötigt, um die schwankende Strom-Einspeisung aus erneuerbaren Energien abzusichern. Aber Eon-Chef Teyssen macht schon lange kein Geheimnis mehr daraus, dass auch der Verkauf der restlichen 46,65 Prozent an Uniper eine Option ist – aus steuerlichen Gründen aber nicht vor dem kommenden Jahr. Tatsächlich hat die damit entfachte Übernahme-Phantasie dem Kurs des Spin-off zusätzlichen Schub gegeben. Vor allem dem finnischen Energiekonzern Fortum wird Interesse an einer Gesamtübernahme nachgesagt. Und am Mittwoch bekräftigte Theyssen, man prüfe alle Optionen.

Mutter braucht Geld

Zwar steuert Eon nach dem Rekordverlust des vergangenen Jahres – den erneute milliardenschwere Abschreibungen auf die konventionellen Uniper Kraftwerke verursacht hatten – dieses Jahr auf einen Gewinn zu. Und dank einer Kapitalerhöhung sowie der zurückerstatteten Kernbrennstoff-Steuer in Höhe von rund drei Milliarden Euro ist der Konzern auch beim Schuldenabbau gut vorangekommen. Aber Teyssen braucht jeden Euro. Eon muss in der neuen Energiewelt angreifen, wieder organisch wachsen, indem er verstärkt in erneuerbare Energien sowie in die Digitalisierung investiert. Eine entsprechende Wachstums- und Investitionsstrategie will der Vorstandschef Anfang kommenden Jahres vorstellen, wie er am Mittwoch sagte. Dafür könnte er die voraussichtlich mehr als 3,5 Milliarden Euro, die der Verkauf des restlichen Uniper-Anteils in die Kasse spülen würde, gut gebrauchen.

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