12.10.2017 03:00 | Panagiotis Koutoumanos

Rentner von morgen müssen sich sorgen

Frankfurt Noch bildet die gesetzliche Rente den Grundpfeiler unserer Altersvorsorge. Damit dies langfristig so bleibt, muss die Politik jetzt handeln.

„Die Rente ist sicher“ – fragt sich nur für wen und zu welchem Preis.
„Die Rente ist sicher“ – fragt sich nur für wen und zu welchem Preis. Bild: Oliver Berg (dpa)

„Die Rente ist erledigt“, scherzte Prof. Bernd Raffelhüschen als er in Frankfurt den „Vorsorge-Atlas Deutschland“ vorgestellt hat, der auf 130 vielfarbigen Karten die künftigen Rentenniveaus für ganz Deutschland abbildet. Was der renommierte Professor für Finanzwissenschaft und Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg damit meinte: Es gebe kein Problem mit der Rente. „Wir haben eine gerechte Rente“, so der 60-Jährige, „wer viel zahlt kriegt viel, wer wenig zahlt kriegt wenig.“ Und die Rente sei auch generationengerecht: „Die, die viele Kinder in die Welt gesetzt haben, sind im Alter in ihrem Lebensstandard gesichert. Den anderen, die das nicht getan haben, sagen wir: Ihr müsst die Lasten selbst schultern in Form privater Vorsorge“, so der Vater von drei Kindern. Sein Fazit: „Grundlegende Veränderungen sind nicht nötig.“

Dem muss widersprochen werden. Schon angesichts des Umstands, dass heute schon mehr als fünf Prozent der Rentner auf Sozialhilfe-Niveau leben und das Risiko der Altersarmut bei normaler Beschäftigungs- und Zinsentwicklung in den kommenden Jahren steigen wird, sind sowohl Änderungen in der Altersvorsorge als auch im staatlichen Rentensystem nötig.

Ein Konto für alles

Zurückgreifen kann die Politik dabei auch auf einen Vorschlag, den der deutsche Fondsverband BVI schon vor mehr als zwölf Jahren unterbreitet hat und der von Verbraucherschützern unterstützt worden ist: die Einführung eines Altersvorsorge-Kontos. Dieses könnte jeder Bürger bei seiner Bank eröffnen und mit Aktien, Bundesanleihen oder anderen Wertpapieren füllen. Der Staat könnte wie bisher bei der betrieblichen Altersvorsorge eine bestimmte Summe, etwa 4000 Euro jährlich, fördern. Ausgezahlt würde mit Rentenbeginn oder einigen Jahren vorher. Der Sparer wählt, ob es das Geld auf einmal oder als Rente gibt. Ein ähnliches Modell ist auch über die Förderung von selbst genutztem Wohneigentum möglich. Wer baut und dazu einen Kredit aufnimmt, könnte beispielsweise 4000 Euro des jährlichen Tilgungsbetrages gefördert bekommen. Soll heißen: Der Staat ist aufgefordert, über die betriebliche Altersvorsorge und die Riester-Rente hinaus die Bildung von Wohneigentum und Wertpapier-Konten zu fördern.

Selbstständige ins System

Handlungsbedarf besteht auch im staatlichen Rentensystem. Es ist nicht nachvollziehbar, dass selbstständig Beschäftigte nicht zur Einzahlung in das Rentensystem verpflichtet sind. Denn das hat gravierende Folgen: Der Anreiz für Arbeitgeber ist hoch, Selbstständige zu beschäftigen, um Sozialbeiträge zu sparen. Im Alter erhalten diese dann nur eine Grundsicherung, ohne jemals in das System eingezahlt zu haben. Abhängig Beschäftigte allerdings, die monatlich 1300 Euro brutto verdienen und mehr als 40 Jahre lang Beiträge gezahlt haben, bekommen eine Rente, die kaum höher ist als die Grundsicherung. Das ist nicht gerecht und gefährdet angesichts der ungünstigen demographischen Entwicklung langfristig das Rentensystem zusätzlich. Deshalb müssen Selbstständige zum Einzahlen verpflichtet werden, so dass die Basis des Systems größer wird. Die Debatte über die Rente mit 70 oder später kann die Politik dann auch erst in der nächsten Legislatur-Periode führen.

Außerdem ist es geboten, Geringverdiener zu entlasten. Statt die Steuern zu senken, sollten die Beiträge der Arbeitnehmer zu den Sozialversicherungen gesenkt und die Ausfälle über Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen werden. Dabei sollten Bürger mit einem Einkommen bis 1850 Euro entlastet werden, da sie ohnehin keine oder kaum Steuern zahlen.

Last but not least, ist es an der Zeit, mehr Transparenz in der Altersvorsorge zu schaffen. Am besten über ein digitales Portal, in dem jeder Bürger auf einen Blick nicht nur erkennt, wie viel er aus der gesetzlichen Rentenversicherung erhalten wird, sondern auch aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge. Denn Studien zeigen: Viele Menschen befürchten zu wenig zu sparen – aber sie handeln nicht, weil sie gar nicht wissen, wie groß ihre Rentenlücke tatsächlich ist.

Kommentare

  • Auftraggeber werden zu Arbeitgebern
    geschrieben von henne1975 (1 Beiträge) am 15.10.2017 09:11

    Dass pauschal allen Auftraggebern unterstellt wird, dass sie lieber mit Selbstständigen zusammenarbeiten nur um Soizalversicherungsbeiträge nicht zu zahlen, kann nicht stimmen. Einerseits gibt es viele Selbstständige, die wohl sehr gut verdienen, wie beispielsweise selbstständige Informatiker. Andererseits gibt es auch genug Menschen, die gerne selbstständig sein wollen und bei denen die Selbstständigkeit auch gut funktioniert.

  • Alls private Vorsorge in Bankenprodukte ist sinnlos,
    geschrieben von ellenwild (269 Beiträge) am 12.10.2017 08:33

    wenn es nirgendwo noch auskömmliche Renditen und Zinsen gibt. Da unsere ausgehöhlter, ausgeplünderter "Generationenvertrag" zu einem Schneeballsystem mutiert ist, das von massenhaft beitragslosen, nachträglich von unseren großzügigen beamteten Regierungsvertretern eingegliederten Rentnern, und massenhaft kinderlosen Rentnern, die ihren "Generationenvertrag" nicht erfüllt haben, geplündert und ausgenutzt wird, muß dieser "Generationenvertrag" rechtlich besser ausgearbeitet und vor staatlichen Eingriffen geschützt werden. Denn nur eine Umlagerente, in die ALLE einzahlen müssen und die sofort wieder an die der Solidargemeinschaft angehörenden Mitglieder, und nur an die, ausgezahlt wird, kann dauerhaft Bestand haben. Alle "privaten" Lösungen dienen nur der Versicherungswirtschaft und den Banken zur Gewinnmaximierung mit äußerst ungewissem Ausgang für die Rentner.



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