19.06.2017 12:06 | dpa

IW-Studie: Viel zu viele Häuser auf dem Land

Köln In den Städten fehlen Zehntausende Wohnungen - doch auf dem Land werden weit mehr Häuser gebaut als nötig, meint das Institut der Deutschen Wirtschaft. Die negativen Folgen: Zersiedelung, Leerstände und Preisverfall.

Deutschlands Häuslebauer bauen in ländlichen Regionen nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft viel zu viel. Foto: Andreas Gebert/Illustration
Deutschlands Häuslebauer bauen in ländlichen Regionen nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft viel zu viel. Foto: Andreas Gebert/Illustration

Deutschlands Bauherren bauen in ländlichen Regionen nach Einschätzung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) viel zu viel.

In einer neuen Studie konstatieren die Kölner Wissenschaftler, dass in vielen Landkreisen deutlich mehr gebaut wird als eigentlich sinnvoll wäre - gemessen an der schrumpfenden Bevölkerung und der Tatsache, dass vielerorts bereits Häuser leer stehen. Das IW empfiehlt den Kommunalverwaltungen eine Reihe von Gegenmaßnahmen.

„Wir stellen mit Schrecken fest, dass in ländlichen Regionen immer noch sehr viele Einfamilienhäuser gebaut werden”, sagte IW-Immobilienexperte Michael Voigtländer. „Wir haben durch die neue Bautätigkeit eine verstärkte Zersiedelung.”

Falls die Bauherren von heute ihre Häuser in der Zukunft wieder verkaufen wollen, werden sie sich nach Einschätzung Voigtländers sehr schwer tun: „Da die Bevölkerung schwindet, fällt die Nachfrage langfristig weg. Das wirkt sich natürlich auf die Preisentwicklung aus.” Neben sinkenden Preisen und Zersiedelung erwarten die Forscher noch ganz andere negative Folgen wie verödende Dorfzentren und neue Leerstände.

In der Studie werden exemplarisch einige Landkreise genannt: Im niedersächsischen Kreis Emsland etwa sind demnach zwischen 2011 und 2015 mehr als 1060 Wohnungen mehr gebaut worden, als auf Basis der Bevölkerungsentwicklung und der bereits bestehenden Leerstände zu erwarten gewesen wäre. Zum Großteil handelt es sich dabei um große Wohnungen oder Einfamilienhäuser.

Die Entwicklung ist aber keineswegs auf Norddeutschland begrenzt: In weiten Teilen des wirtschaftsstarken Bayern wird laut IW ebenso zu viel gebaut wie im Schwarzwald, in der Eifel oder in Nordhessen. Ein Extrembeispiel: Im Landkreis Waldeck-Frankenberg nördlich von Marburg wären nach IW-Einschätzung lediglich sieben neue Wohnungen notwendig gewesen. Gebaut wurden jedoch fast 200, was laut Studie 2764 Prozent des Bedarfs entspricht.

In den Ballungsräumen hingegen fehlen weiter Wohnungen. In Berlin etwa sind laut Studie in den vergangenen Jahr nur 40 Prozent der eigentlich benötigten Wohnungen gebaut worden, in München 43 Prozent und in Hamburg 59 Prozent.

Die Kölner Immobilienforscher stehen mit ihrer Einschätzung nicht alleine da: „Wir haben ein Stadt-Land-Gefälle in der Bautätigkeit”, sagte Stephan Kippes, Marktforschungsleiter beim Immobilienverband Deutschland Süd in München. „In der Summe hätten wir eigentlich genug Wohnraum in Deutschland - wenn er an der richtigen Stelle wäre.” Nach einer 2016 veröffentlichten Schätzung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung stehen in Deutschland fast zwei Millionen Wohnungen leer, davon etwa 950 000 in ländlichen Regionen.

Befördert wird die ungünstige Entwicklung laut IW-Studie von den Niedrigzinsen der vergangenen Jahre, die den Kauf einer Immobilie vergleichsweise günstig machen. Das Gebrauchthaus ist offensichtlich nicht übermäßig beliebt. „Viele Familien bauen lieber etwas Neues”, sagte Voigtländer. „Das ist verständlich, aber man müsste gleichzeitig leerstehende alte Häuser abreißen. Sinnvoll wäre eine Fokussierung auf den Bestand.”

Das IW empfiehlt Kommunen mit ausuferndem Neubau ein robustes Vorgehen: keine neuen Baugebiete ausweisen, Neubauten an den Abriss von alten Häusern koppeln und die Ortskerne attraktiver machen.

(dpa)

Kommentare

  • IW empfiehlt Kommunen sehr drastische Gegenmaßnahmen
    geschrieben von Seckberry (469 Beiträge) am 19.06.2017 12:04

    Sozusagen Nullzinsen und Billigbauland generieren in ländlichen Regionen ein Überangebot an Neubauwohnungen mit der Folge "Zersiedelung, Leerstände, Verödung von Dorfzentren und Preisverfall für Immobilien".

    Laut IW sollen die Kommunen das "robuste Vorgehen" des zwangsweisen Abrisses alter Häuser als Bedingung insbesondere für Einfamilienhaus-Neubauten praktizieren, das jedoch mit beträchtlicher Umsetzungsproblematik verbunden ist.

    Womit zudem die Attraktivität der Ortskerne finanziert werden soll, angesichts der präferierten gigantischen Shoppingcenter auf der "grünen Wiese", des Onlineshoppings und des brutalen Sparzwangs, unter dem die Kommunen leiden, bleibt offen.

    Selbst wenn die ländlichen Kommunen die empfohlenen IW-Wunder verwirklichen könnten, würden deshalb in Berlin nicht unbedingt weitaus mehr als die bisherigen 40 Prozent der eigentlich benötigten Wohnungen gebaut werden, in München nicht deutlich mehr 43 Prozent und in Hamburg durchaus nicht weit über 59 Prozent.



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