17.06.2017 03:30 | Panagiotis Koutoumanos

Online-Handel: Bundesweit schießen Paketshops wie Kraut aus dem Boden

Frankfurt Immer mehr Online-Kunden lassen sich ihre bestellte Ware an einen Kiosk schicken. Die Paketdienstleister erhöhen mit diesen zusätzlichen Annahme-Stellen die Kundenzufriedenheit und senken ihre Personalkosten. Aber lohnt es sich auch für die Kiosk-Betreiber?

Morteza Mastery betreibt einen Paketshop in seinem Kiosk im Frankfurter Westend.
Morteza Mastery betreibt einen Paketshop in seinem Kiosk im Frankfurter Westend. Bild: Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Sie haben sich den Morgen freigenommen, um Ihr Paket in Empfang zu nehmen. Bis 10 Uhr sollte die Sendung ankommen. Nun ist es 10.30 Uhr – aber angekommen ist nichts. Beim Rausgehen schnell noch in den Briefkasten geschaut. Und darin findet sich, wie befürchtet, das Kärtchen: Ihre Sendung ist da!“, steht da in großen roten Buchstaben. Warum das erwartete Paket gleichwohl nicht da ist, steht darunter – in sehr kleinen schwarzen Buchstaben: „Leider war es heute nicht möglich, Ihnen Ihre Sendung zuzustellen.“ Heißt für gewöhnlich: Sie müssen sich bei der Post in eine lange Schlange stellen, um mit vermutlich zweitägiger Verspätung Ihre Sendung zu erhalten.

Problem-Quote sinkt

Es ist der gefühlte Klassiker. Mag die bestellte Ware binnen weniger Stunden verschickt worden sein – da ist immer noch die Klingel, die vom Zusteller gar nicht erst gedrückt worden ist, oder die Haustür, die vom Empfänger nicht geöffnet wird. Dabei sind solche Fälle angeblich die Ausnahme: 93,8 Prozent aller Online-Bestellungen erreichen direkt ihren Empfänger, so eine Umfrage des Instituts für Handelsforschung Köln. Umgerechnet auf alle bundesweiten Paketsendungen entspricht dies zwar fast 190 Millionen Problemfällen im Jahr. Aber obwohl die Zahl der Sendungen jährlich um durchschnittlich sechs Prozent zunimmt, ist die Problemquote stetig gesunken.

Zu verdanken ist dies auch dem riesigen Netz an Paketshops, das die Logistiker aufgebaut haben und immer dichter weben. Längst gilt dieses als A und O für den Geschäftserfolg. Denn diese Shops können direkt als Zustelladresse angegeben werden und sie erleichtern die etwaige Rücksendung. Entsprechend kräftig legen sich DHL und Co. ins Zeug, um Einzelhändler als Annahme- und Versandstellen zu gewinnen. „Bieten Sie einen Service, den Ihr Wettbewerber nicht hat“, wirbt der Hamburger Paketdienstleister Hermes. „Kurbeln Sie Ihren Umsatz an“, umgarnt DPD Kioske und Tankstellen. Und bei der Deutschen Post DHL heißt es: „Nutzen Sie den Boom im Online-Handel für Ihr Zusatzgeschäft“.

Seitdem der Bonner Branchenprimus seine Werbeaktion Mitte 2013 gestartet hat, haben rund 11 000 Einzelhändler diese Chance ergriffen. Einer von ihnen ist Morteza Mastery. Seit Sommer 2013 hängt an seinem Kiosk im südlichen Frankfurter Westend das DHL-Plakat, das anzeigt: Hier können Sie auch Pakete und Päckchen abholen, Retouren abgeben und Briefe und Einschreiben auf den Weg schicken. „Außer Express- und Auslandssendungen, Post-Identverfahren und Sondermarken biete ich das gesamte Programm“, sagt Mastery. Das muss er auch. So schreibt es DHL seinen Paketshop-Betreibern vor. Wenn DHL, dann richtig.

Betreiber als Blitzableiter

In seinem kleinen Kiosk stapeln sich die Pakete vor und hinter der Theke. „Platz ist in der kleinsten Ecke“, sagt der 49-Jährige lächelnd. Der weitaus größte Teil seiner Kundschaft sind Stammkunden, wie er berichtet. Laufkundschaft habe er kaum. „Dafür gibt es hier im Westend zu wenige Einzelhändler.“ Von morgens sieben Uhr bis abends 20 Uhr hat Mastery seinen Kiosk werktäglich geöffnet. Die langen Öffnungszeiten machen seinen Service für die Anwohner besonders attraktiv: „Die meisten Post-Kunden kommen vor der Arbeit zwischen sieben und neun Uhr und nach der Arbeit zwischen 18 und 20 Uhr“, berichtet der freundliche Geschäftsmann. Samstags steht er von acht bis 13 Uhr zur Verfügung und sonntags von neun bis 20 Uhr. Mastery: „Der Paketshop macht sehr viel Arbeit“. Früher habe sein Bruder samstags im Kiosk gestanden. Aber seitdem er für die Post arbeite, sei dies nicht möglich, denn nur er habe die viertägige Schulung mitgemacht, die für den Betrieb nötig sei. Seinen Urlaub müsse er mit der Post abstimmen. „Hinzu kommt, dass viele Post-Kunden ihren Ärger bei mir abladen“, erzählt Mastery, „und wenn ich mich an die Hotline wende, die mich in Problemfällen unterstützen soll, hänge ich da oft in der Warteschlange fest.“

40 Cent pro Paket

Das immense Arbeitspensum, das Mastery zu bewältigen hat, wäre Thanh Hai Nguyen zu viel. Deshalb hat sich der Kiosk-Betreiber im nördlichen Westend Frankfurts entschieden, für Hermes einen Paketshop zu betreiben. „Bei mir gibt’s nur Pakete und Päckchen“, erklärt der Vietnamese, „und alles was ich dafür brauche, ist ein Scanner.“ Auch er versucht, mit langen Öffnungszeiten zu punkten, hat sieben Tage die Woche bis 20 Uhr geöffnet. „In der Nähe ist ein Kindergarten, Mütter und Väter holen oder geben bei mir Pakete ab, wenn sie morgens ihre Kinder bringen“, erzählt der Betreiber. „Abends und an den Wochenenden kommen viele aus der direkten Nachbarschaft.“ Auch er betreibt den Kiosk allein.

Aber lohnt es sich für Kiosk-Besitzer, die Paketshops zu betreiben? „Ich habe den Kiosk 2012 übernommen. Seitdem ist das Stamm-Geschäft stetig zurückgegangen“, berichtet Nguyen. Daran habe der Paketshop nichts geändert. „Dass die Leute, die hier ihre Sendungen abholen oder abgeben, zugleich Zeitschriften, Getränke oder Essen kaufen – wie die Logistik-Unternehmen gerne behaupten – kann ich nicht bestätigen.“ 40 Cent pro Paket zahlt Hermes jedem Paketshop-Betreiber in Deutschland. Damit komme er im Monat auf durchschnittlich knapp 400 Euro.

Auch DHL bezahlt seinen Partnern 40 Cent pro Paket, zuzüglich einer Monatspauschale von 150 Euro. Mastery kommt in seinem Kiosk auf knapp 100 Pakete täglich, wie er sagt. Das wären monatlich insgesamt fast 1350 Euro. „Angesichts der vielen Arbeit, die ich mit dem Paketshop habe, ist das nicht besonders viel. „Aber damit kann ich auf jeden Fall meine Ladenmiete bezahlen“, sagt Mastery, „das lässt mich nachts ruhig schlafen“.

Und auch Nguyen denkt nicht daran, seinen Paketshop aufzugeben. Seine Kunden seien es gewöhnt, bei ihm ihre Pakete abzuholen. Da könne er ja nicht einfach damit aufhören. Nguyen: „Einmal Paketshop, immer Paketshop.“

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