17.06.2017 03:30 | Cornelie Barthelme

Deutschland und Europa geprägt: Helmut Kohl: Der schwarze Riese

Oggersheim/Berlin Noch hat niemand die Republik so lange regiert wie Helmut Kohl. Er prägte Europa und einmal, als die DDR kollabierte, machte er Weltpolitik. Selbst sein einstiger Kontrahent Helmut Schmidt pries ihn dafür. Gestern ist der „Kanzler der Einheit“ gestorben.

Der Kanzler der deutschen Einheit: Helmut Kohl winkt am 3. Oktober 1990 von der Freitreppe des Reichstagsgebäudes in Berlin. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (von links), Hannelore Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker umrahmen ihn. Bilder >
Der Kanzler der deutschen Einheit: Helmut Kohl winkt am 3. Oktober 1990 von der Freitreppe des Reichstagsgebäudes in Berlin. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (von links), Hannelore Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker umrahmen ihn. Bild: Wolfgang Kumm (dpa)

Sein letzter großer politischer Auftritt war keiner, genau genommen. Denn muss einer, der einen Auftritt hat, nicht auch ein Auftreten haben? So etwas, wie der Helmut Kohl von 2007 noch? Nun, im September 2012, wurde ein Mann im Rollstuhl in den Reichstag gebracht bis dorthin, wo einmal sein Platz hätte sein sollen, Fraktionssitzungssaal von CDU und CSU, ganz vorne Mitte. Dorthin, wo der Kanzler sitzt.

Es war eines der Ziele, die Helmut Kohl nicht erreicht hatte. In Berlin war er nie Kanzler gewesen. Nun aber kam er doch noch dort oben an. Das war lange nicht abzusehen gewesen.

Fast genau 30 Jahre zuvor war Helmut Kohl Kanzler geworden. Keine Wahl, eher eine Untreue. Die FDP war von der SPD zur Union übergelaufen, Helmut Schmidt am Ende nach acht Kanzlerjahren. Helmut Kohl begann mit dem ersten von sechzehn. Ziemlich zur Mitte seiner Amtszeit geschah, was ihm den Platz in den Geschichtsbüchern der Welt garantiert: Die DDR kollabierte – und er begriff, welche große Möglichkeit das war und wie klein die Zeit, sie zu Realität zu machen. Seitdem hieß Helmut Kohl der „Kanzler der Einheit“. Manche sagen, er sei für die Republik gewesen, was Bismarck war fürs Deutsche Reich.

Ist das Leben gerecht? Der Mann, der aus der Provinz kam und einmal Weltpolitik machte, musste sich nun, nach einem bösen Sturz im Jahr 2008, jeden Satz abquälen. Wenn die Republik etwas über ihn in den Magazinen las, auch den politischen, dann ging es um sein Privatleben. Es waren Texte, die nicht von gesegnetem Ruhestand erzählten, nicht einmal von Altersglück.

So hatte er das nicht geplant. Und sich vorgestellt schon gar nicht. Er wäre gern sein Leben lang der schwarze Riese geblieben.


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Wie die Welt ihn sehen sollte, über sein Ende hinaus und am besten bis an ihres: Er hatte das festgeschrieben. Vier Bände „Erinnerungen“ sollten es werden, drei schaffte er. Wenn er sie vorstellte, saßen die Journalisten unten und er auf einem Podest und benahm sich, als regierte er noch. „Wo steht“, fragte er beispielsweise von oben herab, „eigentlich geschrieben, dass der deutsche Wähler blöd ist? Die drüber schreiben, sind meistens blöd.“

Volksnaher Typ

So war er immer gewesen. Nah bei die Leut’, sagen sie in seiner Heimat, der Pfalz. Saumagennah sozusagen. Auf möglichst großer Distanz aber zu allen professionellen Betrachtern.

Dabei hätte er sich, über die Jahrzehnte hinweg, an Begutachtung, Beurteilung, an Verrisse gewöhnen können. Sofort als er Kanzler wurde, ging es los. Und nie zu Ende. Die halbe kleine, westdeutsche Republik verglich ihn mit einer Frucht, die schnell matschig wird, und grinste dazu. Die andere Hälfte, er vorneweg, nahm übel. Die Verhältnisse waren sehr klar sortiert damals.

Er aber wollte sie in eine noch exaktere Ordnung bringen. Schwarz oder Rot, Gut oder Böse, für mich oder gegen mich. Kein Dazwischen. Die Zeit war so. Demokraten und Kommunisten, West und Ost. SPD und CDU. Und in der die Kohlianer und die anderen.

Anfangs unterschätzt

Provinziell hieß es am Anfang. Und peinlich. Es ging darum, ob sich die Republik durch ihn verändern würde. Als er sehr rasch eine „geistig-moralische Wende“ ausrief, warnten die einen vor einem neuen Biedermeier, und die anderen hofften, es würden vielleicht Gott und Vaterland zu neuer Einheit und Stärke finden. Immerhin bat nun der Kanzler jedes Silvester im Fernsehen, der eine möge das andere schützen.

Im Alltag bevorzugte er statt Inbrunst den Effekt und statt Wortgewalt die Macht. „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“, fiel ihm ein, als er zwei Jahre im Amt war. Eine gute Wahlperiode später sagte er dann, „ich behaupte nicht, dass ich ein guter Bundeskanzler bin. Ich will vor der Geschichte einer werden“. Im selben Jahr fiel die Mauer. Weitere zwölf Monate später regierte er als erster die neue, große Republik, die bald nur noch Deutschland hieß, und hatte gerade Halbzeit im Kanzleramt.


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Das stand in Bonn und sah aus wie die Zentrale einer Kreissparkasse. Beton und Stahl, braun angestrichen. Verglichen mit dem neuen, acht Stockwerke hohen weißen Turm in Berlin wirkte es wie eine ausgebeulte Strickjacke neben dem maßgefertigten Brioni-Sakko.

Helmut Kohl trug sehr gerne Strickjacken. Er bleibt vielleicht der berühmteste Strickjackenträger der Nation. Ebenso gern aber wollte er in das große Amt an der Spree einziehen.

Als es genau darum ging, gab es Wähler, die hatten noch nie einen anderen Kanzler erlebt. „Bundeskanzlerhelmutkohl“ war längst zu einem Wort verschmolzen. Er hatte der SPD vier Kandidaten verschlissen, hatte den CSU-Rivalen Strauß übertrumpft und überlebt, der ihn öffentlich als total unfähig geschmäht hatte. Er hatte in der CDU alle bestraft, die sich gegen ihn gestellt hatten, und wenn sie ihm, wie Geißler, Blüm und Schäuble, eine Zeitlang noch so treu gedient hatten. Er hatte gefördert und abserviert, wie es ihm gefallen hatte. Und, wichtiger noch, genutzt.

Und in dem deutschen Herbst schließlich, der ein Frühling war, hatte er die Chance erkannt, Geschichte zu machen. Eine Glanzleistung nannte, ausgerechnet, Helmut Schmidt jenen Plan, in zehn Schritten zur Einheit Deutschlands zu gelangen. Er habe seinen Nachfolger lange unterschätzt, sagte Schmidt, 91 schon, zu Kohls Achtzigstem. Schmidt war da längst eine Art ältester Staatsmann der Republik.

Rückkehr zur Fraktion

Helmut Kohl aber, der länger Kanzler war als alle, auch als Adenauer, sein Idol, Helmut Kohl war da nur noch die Ruine von „Bundeskanzlerhelmutkohl“, bei dem das Amt mit dem Mann so verschmolzen war, dass die Trennung ihn in Trümmer legte. Er hatte Europa oft und einmal auch der Welt seinen Willen aufgezwungen. Jetzt gehorchte ihm sein Körper kaum noch. Und in Berlin, wo nun Deutschland regiert wurde, von Angela Merkel, die er zur Politikerin gemacht hatte, in Berlin fiel – nach der Affäre um schwarze Kassen und Parteispender, die er verschwieg – sein Name nie. Zehn Jahre lang hatten die Unionsfraktion und Helmut Kohl sich nichts zu sagen.

Und dann die Rückkehr. Die Fraktionäre ahnten, dass es eine Art letzte Möglichkeit war. Kohl wusste, dass er die Zeit nutzen musste. Seinen Verstand beherrschte er noch, die Sprache kaum.

Er habe, sagte Peter Gauweiler damals, vor fünf Jahren, Helmut Kohl so verstanden, dass es ihm um Frieden gehe. Nun hat er ihn gefunden.

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