14.06.2017 03:00 |

Aus Routine wird Lebensgefahr: Nach Schüssen an Münchner S-Bahnhof bangt Polizei um junge Kollegin

Unterföhring Schlägerei in der S-Bahn. Das passiert oft. In vielen Großstädten. An sich ein Routineeinsatz. Doch in München endet er in einer Schießerei. Denn einer der Randalierer kann sich die Dienstwaffe eines Beamten greifen.

Polizeieinsatz nach Schüssen am S-Bahnhof in Unterföhring bei München.
Polizeieinsatz nach Schüssen am S-Bahnhof in Unterföhring bei München. Bild: Peter Kneffel (dpa)

Hubschrauber, Blaulicht. Polizei mit Maschinenpistolen. Sperrbänder. Schüsse sind gefallen. Großeinsatz am Bahnhof Unterföhring bei München. Der erste Gedanke wie so oft in diesen Zeiten: War es Terror? Doch die Polizei kann zumindest das ausschließen. Es war eine zunächst gewöhnliche Schlägerei in der S-Bahn, die eskaliert. Bilanz: vier Verletzte, darunter eine in Lebensgefahr schwebende Polizeibeamtin.

„Aus einem Routineeinsatz, den wir viele Hundert Mal im Jahr durchführen, ist plötzlich ein brutales Gewaltverbrechen geworden“, sagt Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä hinterher betroffen. „Obwohl wir die Gefährlichkeit unseres Berufes kennen, macht uns die sinnlose Gewalt sprachlos.“

Gegen 8.20 Uhr am Dienstagmorgen gehen Notrufe bei der Polizei ein. Fahrgäste berichten von einer Schlägerei in der S-Bahn. Erst einmal ein Routineeinsatz. Eine Streife mit einem Beamten und einer Beamtin rückt aus. Zunächst läuft alles wie immer, der Beamte beginnt, den Vorgang aufzunehmen. „Die erste Phase des Einsatzes lief völlig ohne Probleme ab“, berichtet Andrä. Da greift einer der Randalierer den Polizisten plötzlich an, versucht ihn ins Gleisbett zu stoßen. Es gibt eine Rangelei, beide gehen zu Boden.

Dabei geschieht etwas Ungewöhnliches: Der Randalierer schafft es, sich der Waffe des Beamten zu bemächtigen. Zwei Mal ist die Dienstpistole normalerweise im Holster gesichert. Womöglich habe der Beamte eine Sicherung gelöst, um im Ernstfall schnell an die Waffe zu kommen, erläutert Andrä. Doch auch dann sei es nicht leicht, die Waffe zu lösen. Zudem seien die Dienstpistolen mit einer Handballensicherung gesperrt. Aber: „Wer sich mit der Waffe auskennt, kann die Waffe bedienen“, sagt Andrä. „Ob der Täter Vorkenntnisse hatte, muss geklärt werden.“ Es könne auch Zufall sein, dass er die richtigen Handgriffe machte. „Die bayerische Polizei trägt die Waffe immer geladen.“

Diese geladene Waffe nun also in den Händen eines Randalierers – die Beamtin reagiert geistesgegenwärtig. Der genaue Ablauf ist noch unklar, aber es muss etwa so gewesen sein: Sie schießt auf den Mann, trifft ihn. Er schießt auf sie – sie wird am Kopf getroffen. Die 26-Jährige schwebt in Lebensgefahr. Der Täter feuert weiter, schießt das Magazin leer. Zwei Passanten werden getroffen. Sie erleiden Durchschüsse am Arm und am Bein.

Was nun sind die Gründe in Unterföhring, wer ist der Mann, der hier schoss? Aus Oberbayern stammend. Derzeit ohne Wohnsitz in Deutschland. Zum Zeitpunkt der Tat wohl nicht betrunken – jedenfalls nicht schwer. Ob Drogen oder Alkohol im Spiel waren, müssen Untersuchungen klären. Vor einigen Jahren war er von der Polizei mit einer kleinen Menge Cannabis aufgegriffen worden. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Jetzt wird gegen ihn wegen versuchten Mordes ermittelt. Der Haftbefehl sei beantragt, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Florian Weinzierl.

Hunderte Menschen sind an diesem Morgen in den S-Bahnzügen, es ist die Flughafenlinie. Rund 200 werden Augenzeugen der schrecklichen Tat. Provisorisch wird eine Stelle für sie eingerichtet – es geht nicht nur um ihre Aussage. „Wichtig ist, dass jeder Zeuge der Tat von Profis angeschaut wird, wie es ihm geht“, so Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.

Rund 200 Beamte waren zeitweise im Einsatz. Denn der Täter kann zunächst fliehen. Wenig später allerdings stellen ihn an einem nahegelegenen Bürogebäude Kräfte der Münchner Polizei und der Bundespolizei. Er sei durch die Schussverletzung bereits gehandicapt gewesen, so da Gloria Martins. Damit hat die 26-jährige Polizistin womöglich Schlimmeres verhindert. Nun bangen die Kollegen um das Leben der jungen Frau. „Der Zustand der Kollegin ist sehr ernst“, sagt da Gloria Martins. „Das macht uns als Münchner Polizei sehr betroffen. Das macht sicher auch viele Münchnerinnen und Münchner sehr betroffen.“

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