16.03.2017 03:00 |

Wie sich das nächtliche Wachliegen auswirkt: Interview mit Frankfurter Mediziner: Schlaflos in Deutschland

Laut einer DAK-Studie leiden immer mehr Deutsche unter Schlaflosigkeit – darunter sind viele Berufstätige. Diese Entwicklung kann Hartmut Schneider, Internist, Pionier der Schlafmedizin und Leiter des Frankfurter Zentrums für Schlafmedizin, bestätigen. Im Gespräch mit unserer Redakteurin Pia Rolfs erklärt er, was das mit den Aufstehzeiten zu tun hat.

Wer nachts nicht gut schläft, ist tagsüber ständig müde.
Wer nachts nicht gut schläft, ist tagsüber ständig müde. Bild: Friso Gentsch (dpa)

Haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass Schlafstörungen zunehmen?

SCHNEIDER. Ja. Ich sehe in unserem Labor in den letzten Jahren mehr Menschen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren mit Ein- und Durchschlafstörungen. Das sind Menschen, die mitten im Beruf stehen und wegen der Schlafstörungen ihre Arbeit nicht bewältigen. Ich sehe auch zunehmend Patienten mit Angststörungen und Depressionen. Früher kamen eher Menschen mit Schnarchen und Schlafapnoe zu uns.

Sind die Angststörungen und Depressionen Ursache oder Folge der Schlafstörungen?

SCHNEIDER: In vielen Fällen ist es so, dass die Angststörung oder Depression sich aus irgendeinem Grund entwickelt hat – etwa durch Arbeitsbelastung oder soziale Probleme – und daraus dann Schlafstörungen entstehen. Ich sage meinen Patienten immer: Wenn man Marathon laufen will, muss man körperlich fit sein. Wenn man den Alltagsstress bewältigen will, muss man mental fit sein. Und Schlafstörungen sind der Hauptgrund, warum man mental nicht fit wird. Denn nur im Schlaf werden die Gehirnzellen wieder mit der Energie aufgeladen, die wir für den Alltag brauchen. Wenn also Depressive schlecht schlafen, schaukelt sich das gegenseitig hoch.

Ab wann spricht man denn von einer Schlafstörung?

SCHNEIDER: Selbst wenn man zehn Mal in der Nacht wach wird und danach wieder einschläft, ist das nicht unbedingt eine Schlafstörung. Die liegt dann vor, wenn der Betroffene mit seinem Schlaf nicht zufrieden ist und einen Leidensdruck verspürt.

Wenn so viele Menschen von Schlafstörungen betroffen sind, kann man dann schon von einer schlaflosen Gesellschaft in Deutschland sprechen?

SCHNEIDER: Ja. Ich hatte immer gehofft, dass es bei uns noch besser ist als in den USA. Dort gibt es ganz eindeutig eine schlaflose Gesellschaft, weil die Menschen zu viel arbeiten, abends nicht abschalten und ihr Smartphone nutzen. Manche haben dort auch noch einen Zweitjob. Bei uns in Deutschland geht es jetzt aber leider auch schon in die Richtung, dass man immer allzeit bereit ist und deswegen schlafloser.

Wie versuchen Sie denn, den Betroffenen zu helfen?

SCHNEIDER: Zu allererst muss man die Schlafstörung ernst nehmen. Danach muss man feststellen, wie man an einem längeren Schlaf arbeiten kann. Viele haben die Vorstellung, dass man einfach ins Bett gehen und schlafen kann, wann man will. Aber die Einschlafbereitschaft hängt von der inneren Uhr ab. Und wenn die nicht so tickt, dass man um 22 Uhr einschlafen kann, nützt es auch nichts, dann ins Bett zu gehen. Man muss diesen Schlafrhythmus erst einmal erkennen.

Was aber macht ein Spättyp, der wegen der Arbeit jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen muss?

SCHNEIDER: Das ist natürlich ein großes Problem, denn dann schläft man immer zu wenig. Zum Glück wissen wir heute, wie wir die innere Uhr verschieben können.

Wie geht das?

SCHNEIDER: Indem man mit Lichttherapie und mit Melatonin arbeitet. Ich habe sogar Patienten, deren optimale Schlafzeit wäre eigentlich von nachts um 3 Uhr bis mittags.

Fängt dann vielleicht Schule und Arbeit für die meisten Menschen viel zu früh an?

SCHNEIDER: Die Antwort darauf ist eindeutig Ja. Das ist in allen Industrieländern so. Das umzuorganisieren, scheitert aber offenbar an den industriellen Ansprüchen.

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