11.08.2017 03:30 | Sabine Kinner

Die schönsten Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts kommen aus Frankreich: Paris, die Weltstadt der Maler

Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober ist Frankreich. Aus diesem Anlass bringen wir vorab eine Serie über die „Grande Nation“, die neben Weltpolitik und Weltwirtschaft auch eine lange, äußerst reiche Kulturgeschichte hat. Die heutige Serienfolge 5 heißt: „Frankreich – Land der Malerei“.

„Das Frühstück“, gemalt 1868 von Claude Monet, ist im Frankfurter Städel-Museum zu sehen.
„Das Frühstück“, gemalt 1868 von Claude Monet, ist im Frankfurter Städel-Museum zu sehen.

Wenn Claude Monet an der Staffelei in seinem Garten saß, in Giverny, rund 70 Kilometer von Paris, auf dem Kopf den Strohhut gegen die Sonne, muss er ein glücklicher Mensch gewesen sein. Im Gedächtnis den Lärm der Großstadt, im Blick die frische Natur, das blühende Leben, strich und tupfte der Maler die Seerosen seines stillen Idylls auf die Leinwand. Kräftiges Rosé inmitten saftigen Grüns – eine Rêverie aus Licht und Farben.

Sonne und Seerosen

Kritiker werden später sinngemäß höhnen, Monets Augen seien wohl schon zu schwach gewesen, um den Blumen einen scharfen Umriss zu geben – der Maler litt an altersbedingter Trübung der Linse. Die ersten unbedarften Betrachter in den Ausstellungen wiederum sollten sich fragen, ob sie nicht eine Brille bräuchten angesichts der verschwommen wirkenden Bilder. Die Kunstgeschichte nannte das zart Verwischte schließlich „Impressionismus“, frei nach Monets Gemälde „Impression“ (1872) mit dem wattigen graublauen Himmel und dem orangefarben glühenden Sonnenaufgang.

Monets Motive sind so sehr zu Inbegriffen der abendländischen Kunst geworden wie Leonardos „Mona Lisa“. Sein „Seerosenteich“ wurde vor knapp 10 Jahren für 51,7 Millionen Euro auf dem Weltmarkt versteigert. Im Städel erreichte die Schau „Monet – Die Geburt des Impressionismus“ vor zwei Jahren einen Besucherrekord. Das Frankfurter Museum zählt Monets „Das Frühstück“ (1868) zu seinem Besitz. Aber auch jenseits dieser Glanzstücke war Frankreichs 19. und 20. Jahrhundert eine nie wieder erreichte Höchstzeit der Malerei. Monets enger Freund Edouard Manet schuf keine geringeren Meisterwerke der Menschheit. Seine nackt auf dem Bett dahingestreckte „Olympia“ wurde mindestens so sehr der Unsittlichkeit bezichtigt wie Monets Wasserblumen der malerischen Unsauberkeit.

Im Pariser Künstlerviertel Montmartre unterhalb der Kirche Sacré Coeur haben die berühmtesten Maler gelebt. Abb.: Städel, dpa Foto: DB Ehlers (dpa)
Im Pariser Künstlerviertel Montmartre unterhalb der Kirche Sacré Coeur haben die berühmtesten Maler gelebt. Abb.: Städel, dpa

Auch Manet suchte die Freiheit, die frische Luft, „Le plein air“, die bald einer ganzen Bewegung ihren Namen gab. Raus aus dem Haus mitsamt Pinsel und Palette, rein in die Wiesen und die Leichtigkeit des Seins. Auf Edouard Manets „Frühstück im Grünen“ strecken sich Männer mit geöffneten Hemdkragen ins Gras, und ja, auch hier schaut den Betrachter eine Unbekleidete an, eine weibliche Symbolfigur für die Lust am Leben, den Genuss des Augenblicks.

Das Mittelmeer, die Côte d’Azur und die Provence, wo Paul Cézanne sein Atelier hatte, sendeten das Licht der Impressionisten aus, die sich stilistisch wandelten, zu Realisten, Naturalisten, Kubisten, Abstrakten. So wie Pierre Bonnard und Henri Matisse, denen das Städel vom 13. September an eine Ausstellung widmet.

Unterdessen wurde Paris zur Welthauptstadt der Malerei. Anders als Monet fühlte Manet sich hier heimisch, sein Geburtshaus lag schräg gegenüber dem Louvre, und obwohl der Maler einer großbürgerlichen Familie entstammte, fühlte er sich im damals noch proletarischen Viertel Montmartre wohl. Rund um die Kirche Sacré Coeur und die Place du Tertre, wo heute Kitschmaler ihre Werke verkaufen und Touristen mit Scherenschnitten porträtieren, lagen damals die einfachen Schenken. Hier trafen sich Arbeiter und Wäscherinnen, Lumpensammler und Straßenmädchen für einen schnellen Rausch und ein billiges Vergnügen. Der gepanschte Absinth, dieses Opium fürs Volk, kostete viele die Leber und das Leben.

Gerade Manet aber schuf auch die Figur des Großstadtflaneurs, mit Frack, Zylinder und Spazierstock ein Ebenbild seiner selbst. Er, zu dessen Vita ein Degenduell gehört (Sekundant war der Schriftstellerfreund Emile Zola), promenierte ebenso gern durch die Tuileriengärten wie seine gemalten Paare und Familien. Abends ging er in die Oper, wo die Ballettmädchen tanzten, wie Edgar Dégas sie malte, anschließend ins Nachtlokal „Le Moulin Rouge“, wo die Tänzerinnen die Beine und die Röcke zum Can-Can warfen. Diese über die Bühne wirbelnden Mädchen hat vor allem der Zeichner Henri de Toulouse-Lautrec verewigt, während sich das 19. Jahrhundert ins 20. Jahrhundert wendete. Die Belle Epoque glitt nun in den Jugendstil über, der Impressionismus in die Moderne.

Bilder und Bohème

Die Bohème der Maler zieht jetzt vom Montmartre an den Montparnasse. Unter die Franzosen mischen sich die zugezogenen Spanier, allen voran Pablo Picasso und Salvador Dalí. Beide verzerren auf unterschiedliche Art die Formen, der eine ins Abstrakte, der andere ins Surrealistische. Picasso zerlegt Frauengesichter in Geometrien, Dalí lässt runde Uhren in Tropfen zerlaufen, die Grenzen verfließen.

Die Zeit der großen französischen Malerei wurde spätestens durch den Zweiten Weltkrieg beendet. In den 50er, 60er Jahren löste allmählich New York die Kunstweltstadt Paris ab. Hatte der amerikanische Realist Edward Hopper noch in Paris das Malen gelernt, so entstand mit der Pop-Art die erste rein amerikanische Kunstrichtung – und wurde maßgebend für alles, was folgte. Trotzdem wirkt die unvergleichliche französische Maltradition in die Gegenwart nach, bis in die Alltagskultur, die Mode, die Innenarchitektur, das Design. Dank ihrer Neigung zum Pittoresken bringen die Franzosen noch immer die schönsten Farbmischungen hervor, nicht zuletzt bei den Autos. Kein Kraftfahrzeughersteller bietet ein so aufregendes Metallic-Grün wie Peugeot auf seiner Palette, keiner ein so schimmerndes Goldbraun wie Renault.

Für die ansehnlichen Formen sorgen unterdessen die Italiener. Auch sie sind zwar eine Nation der Maler, aber eben auch das Land der großen Bildhauer, der Meister des Dreidimensionalen. Auf diesem Gebiet hat Frankreich vor allem einen: den modernen Auguste Rodin, unverrückbar bekannt für „Der Denker“. Derzeit wird sein 100. Todesjahr begangen.

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