19.06.2017 03:00 |

Museum für Moderne Kunst in Frankfurt: Interview mit Susanne Gaensheimer: „Das MMK wird zu klein gehalten“

Eine „qualitätvolle Vielfalt“ bescheinigt Susanne Gaensheimer der Frankfurter Museumsszene. Doch sie hat auch gute Gründe, jetzt nach Düsseldorf zu wechseln.

Susanne Gaensheimer war acht Jahre lang Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt.
Susanne Gaensheimer war acht Jahre lang Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt.

Am 31. Juli endet die Zeit von Susanne Gaensheimer als Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt. Im September übernimmt sie die Leitung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Anders als die Sammlung des Frankfurter MMK, die Kunst ab den 60er Jahren umfasst, hat die Düsseldorfer Sammlung einen starken Bestand an Werken aus der klassischen Moderne, von Picasso bis Braque. Bis 2008 leitete Susanne Gaensheimer die Sammlung für Gegenwartskunst im Lenbachhaus. Dann wechselte sie nach Frankfurt, wo sie Udo Kittelmann nachfolgte. 2011 und 2013 kuratierte sie den deutschen Beitrag für die Kunstbiennale in Venedig, 2011 wurde sie dafür mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet. Dierk Wolters hat mit ihr auf ihre Frankfurter Zeit zurückgeblickt.

Frau Gaensheimer, nach acht Jahren verlassen Sie Frankfurt. Warum?

SUSANNE GAENSHEIMER: Für mich war das ein langer Entscheidungsprozess, der sich über ein halbes Jahr hinzog. Letztlich war die Aussicht, in Düsseldorf mit einem erweiterten Sammlungsspektrum zu arbeiten, ausschlaggebend. Und als dann klar wurde, dass mein Ansatz, die Internationalisierung auch auf die klassische Moderne auszuweiten, sich mit dem Wunsch der Kulturpolitiker in Düsseldorf deckte, überzeugte mich das. Dazu kommt, dass die Kunstsammlung NRW ein international sehr angesehenes Haus ist. Im MMK haben wir zwar auch immer international gearbeitet, aber bestimmte Summen für eine Ausstellung konnten wir hier nicht überschreiten. In Düsseldorf werde ich mit wirklich großen Projekten international kooperieren können. Das ist sehr spannend.

Das heißt, Sie glauben, dass Sie in Düsseldorf vom Land mehr Unterstützung haben als von der Stadt Frankfurt?

GAENSHEIMER: Natürlich müssen wir auch dort Gelder akquirieren, aber es gibt eine ganz andere Arbeitsgrundlage. Immerhin ist die Kunstsammlung NRW das drittgrößte Haus in Deutschland, das ist schon eine andere Dimension. Fast der gesamte Programm- und Ankaufsetat muss im MMK von uns akquiriert werden.

Ein großer Coup war die Erweiterung des MMK durch einen neuen Standort auf einer Etage im Frankfurter Taunus-Turm, den Sie auf sehr ungewöhnlichen Wegen erreicht haben, mit privater Beteiligung. Sind Sie damit zufrieden?

GAENSHEIMER: Das MMK 2 im Taunus-Turm mitten im Bankenviertel ist ein toller neuer Standort für das MMK, und ich finde es großartig, dass so etwas in Frankfurt möglich ist. Allerdings fließt ins MMK 2 gar kein Geld von der Stadt Frankfurt. Die Fläche stellt uns der Immobilien-Investor Tishman Speyer für 15 Jahre zur Verfügung, außerdem haben wir Gründungspartner für die Startphase gefunden, die auch einen Teil der Betriebskosten finanzieren, sowie weitere Förderer. Aber ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Stadt da stärker in die Verantwortung tritt. Das MMK wird insgesamt zu klein gehalten, personell, finanziell und räumlich. Es ist sehr schwierig für ein Haus von internationalem Ruf immer auf einer solchen Minimal-Ebene zu arbeiten. Es hätte uns sehr geholfen, wenn die Stadt beispielsweise eine oder zwei Stellen für das MMK 2 übernommen hätte. Und künftig muss man natürlich sehen: Übernimmt die Stadt das Projekt nach 15 Jahren, oder was passiert dann?

Bei der Gründung hatten Sie immer betont, dass Sie die Integration in die Arbeitswelt, in einer Etage eines Wohn- und Arbeitsturms, reizt. Funktioniert das?

GAENSHEIMER: Das funktioniert ausgezeichnet. Man muss nicht 50 Millionen für einen Neubau ausgeben, man kann auch alternative Lösungen finden. Und interessanterweise haben wir im MMK 2 im Taunus-Turm ein anderes Publikum als im Haupthaus. Ich finde alternative Formen der Präsentation von Kunst sehr inspirierend.

Das Museum für Moderne Kunst erhält nach Meinung der scheidenden Direktorin zu wenig Unterstützung. Foto: Photographer: Axel Schneider, Frankfurt am Main
Das Museum für Moderne Kunst erhält nach Meinung der scheidenden Direktorin zu wenig Unterstützung.

Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie in Frankfurt erreicht haben, jenseits der räumlichen Erweiterung?

GAENSHEIMER: Wir haben die Sammlung mit einer globalen Perspektive erweitert und in diesem Zusammenhang bedeutende Erwerbungen machen können, zum Beispiel eine große Installation von Kader Attia, die wir gerade im MMk 1 präsentieren. Stark haben wir uns auch um Künstlerinnen bemüht. Es war notwendig, die Position von Künstlerinnen in der Sammlung zu stärken und so konnten wir beispielsweise von Isa Genzken zwei sehr umfangreiche Erwerbungen machen. Und wir haben ganz regelmäßig Werke von AbsolventInnen der Städelschule erworben in einer Zeit, in der es für uns noch machbar war. Manche haben dann teilweise eine enorme Karriere gemacht – zum Beispiel Anne Imhof. Außerdem haben wir das Haus stark geöffnet: Unser Publikum ist viel jünger geworden als früher und es ist auch nicht mehr nur die bürgerliche Bildungsschicht, die zu uns kommt. Wir haben weit in die Stadt ausgestrahlt.

Frankfurts Ruf als Stadt der Künste ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Hier sammeln auch große Banken, mittlerweile hat auch das Städel eine Sammlung für Gegenwartskunst. Was bedeutet das für das MMK? Ist das auch eine Konkurrenz?

GAENSHEIMER: Das MMK ist mit ein Grund, warum Frankfurt so weit vorne liegt. Ich sehe da keine Konkurrenz. All die Sammlungen, die Sie gerade genannt haben, haben ein ganz individuelles Profil. Es ist toll, dass es in einer Stadt eine solche qualitätvolle Vielfalt gibt.

Sie hatten große Erfolge über das MMK hinaus, waren zwei Mal Kuratorin auf der Venedig-Biennale – und sind in den vergangenen Jahren immer politischer geworden – ist das richtig?

GAENSHEIMER: Eine Leitlinie war für mich immer das global Internationale und der damit zusammenhängende postkoloniale Diskurs. Dass Kunst politisch sein kann, war schon immer ein Aspekt in meiner Arbeit. Mich interessiert Kunst mehr, wenn sie eine gesellschaftliche Relevanz hat, als wenn sie sich nur mit kunstimmanenten Themen auseinandersetzt. Selbst die Künstlerin Sarah Morris, die in ihren Gemälden eine neue Form der Abstaktion entwickelt hat, verfolgt einen politischen Ansatz, das war meine erste Ausstellung hier.

Ihre Idee für Düsseldorf wäre dann, das Politische auch ins Zeithistorische zu erweitern?

GAENSHEIMER: Ja, in Bezug auf das frühe 20. Jahrhundert bedeutet das, auch hier den gesellschaftlichen und historischen Kontext stärker zu beleuchten.

Wenn Sie jetzt noch zehn Jahre im MMK wären, was wäre Ihre Vision?

GAENSHEIMER: Im Prinzip das weiter auszubauen, was wir in den letzten Jahren verfolgt haben: Die Sammlung, die in der nordamerikanischen und westeuropäischen Kunst verwurzelt ist, auf andere Kontinente zu erweitern. Und außerdem das Augenmerk besonders auch auf Künstlerinnen zu legen. Der Prozess der Globalisierung umfasst alle Lebensbereiche und ist nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Und natürlich spiegelt sich das in der Gegenwartskunst. Auch die Kunstwelt ist schon lange keine Eurozentristische mehr und das westliche Konzept der Moderne nur eines von Vielen.

Der „Rheinischen Post“ hatten Sie kürzlich gesagt, dass in Düsseldorf auch die digitale Welt eine große Rolle spielen soll. Sie sagten: „Dem Netz gehört die Zukunft.“

GAENSHEIMER: Das wäre auch etwas, was man jetzt im MMK angehen müsste! Wir haben festgestellt: Je präsenter wir im Netz sind, desto mehr Besucherinnen und Besucher haben wir auch im Museum.

Die nächste Erweiterung wäre dann ein MMK 4 im Internet?

GAENSHEIMER: Ja, das fände ich super!

Kann man mit dem Internet Hemmschwellen senken?

GAENSHEIMER: Wir sind auf Facebook, Twitter, Instagram und haben den MMK Blog, seitdem haben wir ein ganz anderes Publikum als früher.

Und wie geht es nun weiter?

GAENSHEIMER: Nach meinem Weggang wird zunächst einmal Peter Gorschlüter, der stellvertretende Direktor, die Direktion übernehmen. Wie die Nachfolge-Frage dann weiter geregelt wird, entscheidet alleine die Kulturdezernentin.

Zum 31. Juli hören Sie hier auf, am 1. September beginnen Sie in Düsseldorf. Stressig – oder?

GAENSHEIMER: Ja – und in der Zwischenzeit ziehen wir um. Eine gute Schule für die Kinder haben wir schon gefunden.

Und was werden Sie vermissen?

GAENSHEIMER: Meine fantastischen Kolleginnen und Kollegen im MMK, das tolle Team. Und natürlich das soziale Umfeld rund um die Kinder, das wir uns hier in Frankfurt aufgebaut hatten.

Kommentare

  • Danke an Frau Gaensheimer und viel Glück in NRW
    geschrieben von Sozialeinitiativefrankfurt (109 Beiträge) am 19.06.2017 08:19

    Man muß einmal sehen warum einige gute Köpfe aus FRankfurt freiwillig weggegangen sind. Zu wenig Rückhalt durch die Stadt, ewig Gegenwind von Herrn HOllein, der alles Geld fürs Städel haben wollte und eine desaströse unbarmherzige Wirtschaftabteilung im Städel! Dann brauchen wir auch einen neuen OB! Solidarität-Bildung-Kultur gehören eng verzahnt! Gerade jetzt wo es eng wird ist eine gute Stadt-Museumsführung gefragt. Z.B: hat in London nach dem unsinnigen Hängungsdesaster man endlich wieder zu einer chronologischen Hängung gefunden. Und was macht das Liebieghaus es waren mal tolle Ausstellungen jetzt ist es ein leerer Ort verschlafen und ewig umbauten im Cafe, das hat auch Herr Hollein verbockt! Wir schön war das alte TEam im Liebieghaus Cafe. Man muß nicht nostalgisch sein, aber warum soll man etwas Gutes ändern?

  • Bitte kein Langeweiliger Nachfolger im MMK!
    geschrieben von Sozialeinitiativefrankfurt (109 Beiträge) am 19.06.2017 08:13

    Frau Gaensheimer hat vollkommen Recht! Das MMK wird zu klein gehalten. Ausstellungen, Ankäufe kosten halt Geld, da muß der Staat und die Stadt mehr Geld einfließen lassen. Die Fokussierung nur auf Städel hat schon immer Ärger bereitet. Und merkwürdigerweise sind dort die Besucherzahlen rückläufig. Auch das hat Herr Hollein zu verantworten. So gut er im aquirieren von GEldern war? so schlecht war er als Kunsthistoriker und in Visionen. Dieser hatte er wirklich nicht. So ist es überhaupt nicht bedauerlich das er weggezogen ist. Es wäre noch einmal notwendig auf die jetzige Mannschaft des STädel zu schauen. Haben wir da wirklich die KUratoren und Macher die einmal frischen Wind bringen. Nein wirklich nicht, die letzten Ausstellungen war mau, die Hängung im Haus ist mehr als schrecklich! Ewig sucht man das Paradiesgärtlein. Die schlechte Stimmung innerhalb des Personals spricht Bände! Nein hier sollte Herr Demandt mal kräftig aufräumen. Und einen neuen Weg zu neuen Leitung des MMk suchen.



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