19.06.2017 03:00 | Michael Kluger

Theaterpremiere im Schauspiel Frankfurt: Inszenierung des „Ödipus“: Die Wahrheit ist grausam

Frankfurt Michael Thalheimers Inszenierung des „Ödipus“ eröffnete vor acht Jahren die Intendanz Oliver Reeses in Frankfurt. Nun ist die antike Tragödie „vor der Stadt“ an der Weseler Werft zu sehen – open air und noch wuchtiger.

Marc Oliver Schulze als König Ödipus: Die Inszenierung Michael Thalheimers ist zum Abschied des Intendanten Oliver Reese open air am Mainufer zu sehen.
Marc Oliver Schulze als König Ödipus: Die Inszenierung Michael Thalheimers ist zum Abschied des Intendanten Oliver Reese open air am Mainufer zu sehen. Bild: Birgit Hupfeld

Knoblauchduft weht über die Ufer-Promenade. Dämmerung kündigt sich an. Wie alte Tempelruinen ragen hinter der Flößerbrücke die Bankentürme auf. Die Empanadas mit Spinat oder Fleisch kosten drei Euro. Es gibt aber auch argentinische Wurst mit Chimichurri-Soße, dazu Wein. Die Luft ist kühl. Zum Glück gibt es Decken. Gemütlich wird es dennoch nicht. In Theben herrscht die Pest.

Als vor acht Jahren Michael Thalheimer den Doppelabend „Ödipus/Antigone“ im Großen Haus inszenierte, war das der Start in die Ära Oliver Reese am Frankfurter Schauspiel – eine „glückliche Zeit“. Das empfindet Reese so, die meisten Schauspieler empfinden es so, und das Publikum auch. Damals wusste man noch nicht, dass es eine „Ära“ und eine „glückliche Zeit“ werden würde. An diesem Abend an der Weseler Werft weiß man es.

Im Schatten der Bank

Reese hat, wie fast immer an den Premierenabenden in den vergangenen Jahren, dunkle Jeans an, einen schwarzen Pullover, Sakko. Die Leute rufen ihm zu, danken ihm, schütteln ihm die Hände zwischen den Zelten und Bänken, die aufgebaut sind, damit man Empanadas essen, Wein trinken und die Sommeratmosphäre am Mainufer genießen kann, im Windschatten der Europäischen Zentralbank. Das Theater, das für diesen „Ödipus“ ohne „Antigone“ vom Willy-Brandt-Platz ans Flussufer gezogen ist, entkommt den Banken nicht. Der Kreis schließt sich. Reese geht nach Berlin, von wo er herkam.

Das Pochen der Kothurne auf der hölzernen Bühne schallt in den Himmel. Marc Oliver Schulze löst sich aus dem Chor, der wie er Masken aus Papier trägt, und tritt ins Licht. Damals, im Großen Haus, fiel der Blick auf eine riesige schwarze Wand. Ödipus’ Schritte dröhnten. Es war unheimlich. Nun öffnet sich die Sicht auf die Stadt. Der Himmel färbt sich rot, orange, violett hinter den Stahlstreben. Die Baumwipfel am Ufer werden dunkler. Man hört Verkehrslärm, Schiffsmotoren, Flugzeuge, Vogelgezwitscher, auch Menschenstimmen. Acht Jahre sind eine lange Zeit. Die Welt hat sich verdüstert. Terror. Tote. Giftgas. Gräuel. Flüchtlingsströme. Schwankende Staaten. Bebende Demokratien.

In der Antike erfand Griechenland die Polis, die Demokratie und – die Tragödie. Das gehörte zusammen. Das tragische Theater entstand aus dem Kult um einen Gott, den Gott des Weins und des Rauschs, der Ekstase: Dionysos. Immer geht es in der Tragödie um mythische Verstrickung ins Böse, um Gewalt und Rache. Um eine lange unauflösliche Kette von Schuld und Sühne, Untat und Strafe, die ganze Geschlechter und Dynastien in den Abgrund reißt, die Könige zu Sklaven macht, strahlende Herrscher zu wimmernden Kreaturen. Paläste stürzen, Familien zerbrechen, Menschen fallen, geschunden, geblendet. Sie sind Jammergestalten, die allen Halt verlieren, ausgestoßen, einsam. Sterbliche.

Exzess der Gewalt

Im „Ödipus“ des Sophokles (497/496–406/405 v. Chr.) mündet Erkenntnis in Verzweiflung. Der Schrecken liegt in der Wahrheit. Sie ist nicht gut und schön. Sie ist grausam und zum Verzweifeln. Wahrheit ist Wahnsinn.

Die Pest herrscht in Theben. Ein Fluch liegt über der Stadt. Denn noch immer ist der Mord an König Laios ungesühnt. Der Täter ist frei. Nun endlich will Ödipus den Bann lösen, der neue Herrscher Thebens. Er will die Wahrheit ans Licht bringen. Doch die Wahrheit ist: Er selbst, Ödipus, hat – unwissend – Laios getötet: seinen Vater. Er hat seine Mutter geheiratet und mit ihr das Bett geteilt. Er hat das Rätsel der Sphinx gelöst, er hat versucht, der furchtbaren Weissagung des Orakels zu entgehen. Vergeblich. Am Ende hat er den Thron als Mörder bestiegen. Und je mehr ihm die Augen aufgehen, je klarer die Wahrheit ans Licht tritt, desto dunkler wird seine Welt. Bis er sich schließlich selbst bestraft und blendet.

Mit nacktem Oberkörper steht der großartige Marc Oliver Schulze im Scheinwerferlicht, die Muskeln krampfen, die Hände zittern. Der König brüllt wie ein leidendes Tier. In jeder Faser seines Leibes scheint der Schmerz zu zittern, der mit der Einsicht kommt. Der Aufklärer Ödipus muss sich dem Gesetz unterwerfen, das er zuvor dem Volk als Legitimation des Staates aufgestellt hat. Das Misstrauen, die Verachtung, die Wut, mit denen er seinem Schwager Kreon begegnet ist, sie richten sich nun gegen ihn selbst. Der Fluch der eigenen Tat, zwingt ihn, sich Gewalt anzutun. In Ödipus kulminiert das Verhängnis in einem Akt der Auslöschung: Die archaische Mechanik von Schuld und Sühne explodiert gleichsam im Attentat auf den eigenen Körper, in einem irrationalen Exzess physischer Vernichtung.

Nach den Erfahrungen von acht Jahren, die seit der ersten Aufführung im Schauspielhaus vergangen sind, blickt man womöglich an diesem Abend anders auf den „Ödipus“ in der Thalheimer/Schulze-Version: Der Leidende, der Schmerzensmann tritt zurück, hinter dem Unbarmherzigen und Fanatischen. In das Mitleid mit dem vom Schicksal Gequälten mischt sich plötzlich Skepsis gegenüber seinem blutigen Fundamentalismus der Bestrafung. In der jammernden Kreatur sieht man nun klarer das Opfer eines unversöhnlichen Radikalismus, eines blindwütigen Tugendterrors, der den Menschen in die Folter der Rechtgläubigkeit und des Gehorsams gegenüber dem unerbittlichen Gesetz spannt. Plötzlich scheint einem Kreons (Isaak Dentler) unpathetische Geschmeidigkeit vernünftiger, zeitgemäßer und humaner als die zum Gesetz geronnene Orthodoxie.

Fremd und schön steht am Ende die wunderbare Constanze Becker als Iokaste mit rotem Kleid und schwarzem Haar im Licht, noch einmal mit dem Sohn und Gatten vereint. Langsam tritt sie nach hinten ab in den Tod. Der Himmel über der Weseler Werft hat sich fast völlig verfinstert. Ödipus windet sich am Boden, blutüberströmt, schwarze Höhlen, wo Augen waren, entstellt, würdelos. Dann tanzen nur noch die Mücken im Scheinwerferlicht. Was für ein grandioser, ungeheurer Theaterabend!

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