12.09.2017 03:30 |

Festival im Rheingau: Heiner Boehncke: "Literatur hat keine Promillegrenze"

An diesem Donnerstag wird das Rheingau-Literatur-Festival mit dem Schriftsteller Peter Stamm und seinem Roman „Weit über das Land“ eröffnet. Zum 25. Mal vermählen sich zwischen Schlössern, Straußwirtschaften und Weinkellern der Geist der Literatur und der des Weins. Mit dem Künstlerischen Leiter des Festivals, Heiner Boehncke, sprach Michael Kluger über den Rheingau, den Riesling und einen bekömmlichen Schaffensrausch.

Blick ins Brentano-Haus in Oestrich-Winkel: Hier trank und dichtete Goethe, mit schönen Folgen für die deutsche Literatur.
Blick ins Brentano-Haus in Oestrich-Winkel: Hier trank und dichtete Goethe, mit schönen Folgen für die deutsche Literatur. Bild: Fredrik Von Erichsen (dpa)

Herr Professor Boehncke, 25 Jahre Literatur-Festival – warum ist dieser Mix aus Wein und Literatur seit einem Vierteljahrhundert so unwiderstehlich?

HEINER BOEHNCKE: Weil sich guter Wein und gute Literatur in ihrer Wirkung gegenseitig steigern. Dabei sollte der Wein maßvoll genossen werden, bei der Literatur allerdings gibt es keine Promille-Grenze.

Dichtet sich’s wirklich besser mit einem bisschen Wein im Blut?

BOEHNCKE: „Ein bisschen“ ist genau richtig. Volltrunken geschriebene Literatur erweist sich am nächsten Morgen in den allermeisten Fällen als unlesbar.

Fördert der Riesling auch das Literaturverständnis?

BOEHNCKE: Unbedingt. Vor allem, wenn man beides mit ein wenig Kennerschaft genießt.

Abgesehen von den Wirkungen des Weins: Warum ist der Rheingau eine gute Kulisse für Literatur?

BOEHNCKE: Weil der Rheingau eine in Jahrhunderten entstandene und gepflegte Kulturlandschaft ist und immer wieder große Autorinnen und Autoren angezogen hat. Ob Goethe oder Romantiker wie Bettine und Clemens Brentano. Sie konnten und sie wollten sich dem Charme der Landschaft nicht entziehen. Quer durch die Jahrhunderte wurde der Rheingau mit dem Paradies verglichen.

Was macht einen Schriftsteller aus, der zu diesem Festival eingeladen wird? Trinkfestigkeit? Prominenz? Süffige Schreibe?

BOEHNCKE: Die Mischung. Es steht beim Vorlesen immer ein Riesling auf dem Tisch. Ob er während der Lesung getrunken wird, ist jedem Autor selbst überlassen. Martin Walser zum Beispiel trinkt gern einen Spätburgunder beim Lesen. Und er liest grandios. Andere nippen nur und trinken hinterher ein Glas. Jeder wie er mag. Prominenz ist willkommen, aber nicht Voraussetzung. Hauptsache, die Literatur überzeugt. Gute Literatur muss nicht immer süffig sein. Manchmal ist sie widerborstig, mit ein paar Ecken und Kanten, und gefällt gerade deshalb.

Wie kam es eigentlich zu dem Literatur-Festival?

BOEHNCKE: Michael Herrmann, der Intendant des Rheingau-Musik-Festivals, wollte vor 25 Jahren ein Literatur-Festival begründen, das sich dem Thema „Wein und Literatur“ widmet. Nach dem ersten Festival wurde dann das literarische Spektrum erweitert. Es blieb aber dabei, dass der Rheingau-Wein vom Literatur-Festival nicht wegzudenken ist.

Erinnern Sie sich an eine Lesung oder einen Moment, die charakteristisch für dieses Festival waren und die sich so woanders nicht hätten ereignen können?

BOEHNCKE: Martin Walser war unser Gast im Keller der Sektkelterei Bardong in Geisenheim. Er hatte uns wissen lassen, dass er gern (guten!) Rotwein trinken würde, keinesfalls aber Sekt. Nach dem ersten Glas Spätburgunder-Sekt war er bekehrt. Und wie! Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, trank er nach seiner Lesung mehr als ein Glas Sekt.

Haben Sie den Eindruck, dass die Literatur im digitalen Zeitalter einen schwereren Stand hat als früher?

BOEHNCKE: Oft war zu hören, die Digitalisierung würde gedruckte Bücher vom Markt verdrängen. So war es nicht, und so wird es auch nicht sein. Nach den Lesungen bilden sich immer lange Schlangen von Lesern, die ihr Buch signiert haben wollen. Das gedruckte und schön ausgestattete Buch duftet nach Druckerschwärze, immer noch. Es sieht gut aus und man fasst es gerne an. Auch sind Bücherregale noch nicht ausgestorben. Sie eignen sich übrigens auch vorzüglich, um Wände zu isolieren.

Warum haben Sie beim Festival keine Blogger im Programm?

BOEHNCKE: Doch, haben wir. Jan Seghers’ Blog „Geisterbahn“ zum Beispiel ist sehr beliebt, und auch andere Autoren sind Blogger. Bei ihnen ergänzen sich Blog und Bücher.

Auf wen oder was freuen Sie sich dieses Jahr besonders? Natürlich auf alle, aber vielleicht gibt es doch etwas . . .

BOEHNCKE: Wir haben zum Jubiläum vier Autoren eingeladen, die mit dem Rheingau-Literatur-Preis ausgezeichnet wurden: Peter Stamm, Sten Nadolny, Christoph Peters und Thomas Lehr. Auf sie freue ich mich besonders. Ich möchte auch gern von ihnen erfahren, wie ihnen die 111 Flaschen Rheingau-Riesling geschmeckt haben, die es zusätzlich zum Preisgeld von 11 111 Euro gibt.

Die Germania blickt im Rheingau ja grimmig nach Frankreich rüber. Frankreich ist dennoch Ehrengast der diesjährigen Buchmesse. Und auch Sie haben ein bisschen Frankreich eingeschmuggelt. Warum wissen wir in Deutschland – abgesehen von einigen Stars – so wenig von der Literatur unserer Nachbarn?

BOEHNCKE: Es ist sehr schade, dass in unserem Land die Kenntnis der französischen Sprache zurückgeht. Dasselbe gilt für die Literatur. Ich werde ganz gewiss am 20. September den großen Frankreichkenner Ulrich Wickert fragen, woran das liegt. Es gibt übrigens noch Plätze für seine Lesung auf Schloss Johannisburg,

Verraten Sie uns bitte noch: Welches ist Ihr Lieblingsbuch in diesem Herbst?

BOEHNCKE: Die Antwort fällt mir nicht schwer: Ingo Schulze: „Peter Holtz sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“. Am 24. September bekommt Ingo Schulze für dieses Buch auf Burg Schwarzenstein den Rheingau-Literatur-Preis 2017. Auch dafür gibt es noch Plätze.

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