12.10.2017 03:00 | Sabine Kinner

Frankreich, wo bist du?

Mit 40 000 Büchern, einer nachgebauten Gutenberg-Druckerpresse und einer Café-Ecke zeigt Frankreich, wie es heute Literatur für Kinder und Erwachsene herstellt.

Auch Johannes Gutenberg ist da: Ein Nachbau seiner Druckerpresse aus einem Schweizer Museum steht in der Mitte des Pavillons.
Auch Johannes Gutenberg ist da: Ein Nachbau seiner Druckerpresse aus einem Schweizer Museum steht in der Mitte des Pavillons. Bild: Holger Menzel

Ist Französisch noch Weltsprache? Gibt es noch Diplomaten, die mit Attaché-Koffer von Botschaft zu Botschaft eilen, um auf Französisch die Völker aller Kontinente zur Verständigung zusammenzubringen? Ja doch. Es gibt sie nach wie vor. Aber ihre Bedeutung ist geschrumpft. Denn das Englische hat die absolute Herrschaft übernommen, zuletzt beschleunigt durch das Internet. Zwar wird die französische Sprache noch von rund 220 Millionen Menschen gesprochen, in etwa 80 Ländern. Sie ist außer in Frankreich in Belgien, Kanada und der Schweiz vertreten, in verschiedenen Gebieten Afrikas sowie im früheren Indochina und in der Südsee. Aber der ganz große geopolitische Einfluss, der ist wohl dahin.

Gerüste aus hellem Holz

Auch den jungen Deutschen von heute ist Frankreich fremder als ihren Eltern und Großeltern. Immer weniger Schüler lernen Französisch, immer weniger reisen zum Schüleraustausch ins Nachbarland. Und die französischen Lehnwörter im Deutschen sind längst englischen Konkurrenten gewichen. Wer spricht noch von „Chaussee“, „Entree“ oder „Chaiselongue“? Statt ihrer sind die „Couch“, die „Lounge“ und die „Street Credibility“ ins Sprachwesen eingezogen. Dass die Zuneigung zu Frankreich und zum Französischen hierzulande dennoch nicht endgültig entschlafen ist, sondern nur etwas eingenickt und jederzeit wieder hellwach zu kriegen, zeigt nun die Frankfurter Buchmesse. Das Gastland Frankreich ist da – zum zweiten Mal seit 1989. Es wird in der Stadt freudig begrüßt, gewissermaßen mit Wangenküsschen, und hat auf dem Messegelände, im Forum, Ebene 1, seinen Pavillon eröffnet. Voilà!

Aber was ist denn das? Man wird sich doch nicht im Raum geirrt haben? Statt Pariser Eleganz, entweder kühl minimalistisch oder boudoirhaft pompös, tut sich enttäuschende Kargheit auf. Ist Frankreich denn nicht das Land der Dekorateure? Helle Holzstreben, in strenger Ordnung hoch und quer verschraubt, steigen zu Lagerregalen auf und füllen die gesamte Ausstellungsfläche. Als hätte der Designer eines schwedischen Möbelherstellers einen schlechten Tag gehabt und lustlos eine beliebige Stadtteilbücherei entworfen. „Es kam uns darauf an, etwas Gemütliches zu schaffen“, sagt dazu wie in absurder Spaßhaftigkeit Rüdi Bauer, Leiter Design, und berichtet beim Presserundgang, wie Studenten der Designhochschule St. Etienne ihre Ideen beigesteuert haben. Eine Anordnung aus „Bibliothek, Baugerüst und Beschilderung“ sollte entstehen. Etwas verräterisch mutet da an, dass Rüdi Bauer in Köln an der Beschilderung des dortigen Flughafens und des Denkmals für die Deserteure des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt hat.

Unterteilt in verschiedene Bereiche, zeigt der Pavillon Bücher aus Frankreich und Bücher über Frankreich, neue Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt. Eine Stellwand ist der französischen Verlagsgeschichte gewidmet, zu der ehrwürdige Editionen wie Hachette, Larousse oder Gallimard gehören. In einer anderen Ecke ist das „Café Strich Punkt“ eingerichtet, mit dunkelbraunen Thonet-Rohrstühlen und hellen, marmorierten Kunstofftischplatten. Für Kinder und Jugendliche gibt es in einer Nische zwei Skilift-Gondeln mit Bildschirmen, auf denen Schriftsteller im Gespräch mit jungen Lesern sind. Aber auch Johannes Gutenberg ist gleichsam da. In der Mitte des Raumes nämlich steht ein Nachbau seiner Druckerpresse, angereist aus einem Schweizer Museum.

Geist der Buchstaben

An der einen Kopfwand des Saales wiederum ist „La grande Bühne“ eingerichtet, vergleichbar einer Fernsehstudio-Arena. Hier sollen während der Messe Autoren oder Übersetzer bei Lesungen aufs interessierte Publikum treffen. Außerdem wird hier das vielleicht einzig Witzige dieses Pavillons stattfinden: Eine „Übung in Sachen Bewunderung“, bei der sich Schriftsteller wechselseitig ihre Anerkennung aussprechen. Vermutlich tun sie es avec plaisir.

Es geht in diesem Pavillon, das immerhin spürt man, nicht um die einzigartige literarische Vergangenheit der Grande Nation, sondern um die heutige Begegnung zwischen Frankreich und Deutschland, um Zweisprachigkeit und Austausch, Gegensätze und Gemeinsamkeiten. „L’Esprit de la lettre“, der Geist der Buchstaben, schwebt über den Köpfen. Viel mehr als in der öden Ausstattung aber vernimmt man ihn in den französischen Wortwechseln der Besucher, die sich im Pavillon treffen. Kaum stürzen zwei aufeinander zu, schwirrt ein pariserisches „Salut – Salut“ durch die Luft, ein provençalisches „Bonjour, ça va?“ oder ein weltläufiges „Enchanté, Madame“. Es gibt Umarmungen, Schulterklopfen, Wiedersehenserregung und Verabredungen zum Apéritif. Und immer sind die kurzen Unterhaltungen begleitet von jenem Grundton unmittelbarer gefühlvoller Betroffenheit, der so kennzeichnend ist für die Franzosen. In einem kleinen impulsiven „Mais non!“ oder einem fast dahingestöhnten „Oh là là“ stecken ganze Weltanschaungen.

In Anbetracht solcher Lebhaftigkeit wirkt die triste literarische Selbstpräsentation des diesjährigen Gastlandes umso schmerzlicher. „Frankreich, wo bist du?“, möchte man rufen. Ein letzter Blick fällt auf einen Buchtitel, der unwillkürlich zum Bonmot wird: „Wir sind nicht da, um zu verschwinden“. Haben die Franzosen das denn nicht gemerkt?

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