13.10.2017 03:00 | Marcus Hladek

Doktor Eisenbart setzt seine Instrumente an

Sigrid Löffler und Gerwig Epkes moderierten die Zusammenkunft von acht Autoren aus dreieinhalb Ländern im Frankfurter Rathaus. Es ging viel um Preußen.

Zoë Beck las aus ihrem Drogen-Roman „Die Lieferantin“.
Zoë Beck las aus ihrem Drogen-Roman „Die Lieferantin“. Bild: Holger Menzel

SWR2 übertrug live, also moderierten Sigrid Löffler und Gerwig Epkes das Grüpplein Literaten zackig wie Preußens Stechschritt. Auch inhaltlich spielte Preußen hinein: bei Michael Roes und Norman Ohler („Die Gleichung des Lebens“). Bekanntlich litt der junge Friedrich der Große unter seinem Vater, der die Allüren des Sohns bestrafte und den Freund und Helfer Katte vor Friedrichs Augen hinrichten ließ. Heiner Müllers „Leben Gundlings“ dramatisierte das. Auf diesem „schwulen Mythos“ (Roes) gründet „Zeithain“ als fiktive Friedrich-Biografie mit, so Roes, einer Militär-Expo und dem legendären Doktor Eisenbart. Norman Ohler gab an, er habe eine Psychoanalyse Friedrichs verfassen wollen. Als der das Oder-Flussbett neuverlegen ließ, habe er mit dem Oderbruch die feuchten Kräfte in sich auszutrocknen versucht.

Mit den größten Eindruck machte Thomas Lehr mit dem Roman „Schlafende Sonne“. Lehr liebt die Welt der Physik, bereits sein Roman „42“, der auch schon an einem einzigen Augusttag spielte, führte ins Cern. Das neue Werk entwirft ein Panoptikum deutschen Bewusstseins mit Dreiecksgeschichte, erzählt von der Physik der Sonne und dem Philosophen Husserl. Der erfand die strenge Phänomenbetrachtung von Null an als Gegenstück Descartes im deutschen Tannenduster. Wie Lehr vom „Quantenschaum der Frühe“ und dem Higgsfeld las, erinnerte auch an James Joyce: mehr Poem und Zauberspruch als lineares Epos. Sein Roman eröffne eine Trilogie, für die er fünf bis siebzehn Jahre veranschlage.

Bücher für die Tonne?

Wer wie Denis Scheck gern Bücher in die Tonne haut, hätte Theresia Enzensbergers „Blaupause“ und Jens Steiners „Mein Leben als Hoffnungsträger“ opfern können. Außer Paulus Hochgatterers „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, wo das Weltkriegsende auf dem Land in Österreich ein Kippbild-Finale erfährt, bleiben zwei Frauen: Marion Poschmann und die halbe Britin Zoë Beck. In ihrem Roman „Die Lieferantin“ trotzt eine Londoner Drogenhändlerin mit Drohnen dem „Druxit“-Programm der Regierung zum Drogenausstieg. Drogen freizugeben als Mittel, die Drogenindustrie auszutrocknen? Dem stimmte Beck zu.

Poschmann behauptete (machte sie sich lustig?), im Jahreswechsel Lyrik und Prosa zu schreiben. „Die Kieferninseln“ kombiniert Zen-entspannt Albernheit und Tiefsinn, Roadmovie und Echobild vom Fremden, bis zum Verschwinden im Bild. Ihr Held ist, allen Ernstes, Bartforscher im Drittmittelprojekt und fliegt eines Traums von Untreue wegen nach Japan. Da pilgert er auf der Spur des Dichters Basho zum Mond über den Kieferninseln, mit ihm ein suizidaler Japaner, der, allen Ernstes, Tamagotchi heißt. Ein knisternd-kluges Buch als skurriles Realitätsspiel mit Kulturkluft. Dem Lächeln der Dichterin sah man das Schweben im Mondlicht über den Kategorien ganz weit unter ihr förmlich an.

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