13.10.2017 03:00 |

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Gerhart Hauptmanns Theaterstück über eine Kindsmörderin berührt auch heute noch: Am morgigen Samstag hat es am Frankfurter Schauspiel Premiere.

Im richtigen Leben lässt sich Jana Schulz schon mal ein Lächeln entlocken – auf der Bühne fast nie. In Frankfurt spielt sie jetzt die Kindsmörderin Rose Bernd.
Im richtigen Leben lässt sich Jana Schulz schon mal ein Lächeln entlocken – auf der Bühne fast nie. In Frankfurt spielt sie jetzt die Kindsmörderin Rose Bernd. Bild: Michael Faust

Auf der Bühne leidet sie wie ein Tier: Sie kämpft, sie tobt, sie schreit, jammert und tötet. Das Lebensglück zerrinnt ihr unter den Fingern, lässt sich nicht festhalten. Die große Jana Schulz zeigt morgen mit „Rose Bernd“ im Schauspiel Frankfurt ihre prämierte Paraderolle. Zwei Stunden lang wird sie im flirrenden Goldregen stehen und doch immer die Pechmarie bleiben. Die von allen Männern für ihre Zwecke missbrauchte Kindsmörderin Gerhart Hauptmanns. Für diese Bochumer Glanzleistung aus dem Jahr 2015 fuhr sie im März ihren bisher größten Erfolg ein, den „Gertrud-Eysoldt-Ring“. Im Gespräch wird allerdings schnell klar, dass der körperlich-seelische Tribut für ihre rückhaltlose Kunst ebenso immens ist wie der Ruhm.

Da ist es wieder, dieses schiefe, kleine Lächeln. Es breitet sich mit aufreizender Langsamkeit auf ihrem blassen Gesicht aus. Sie nimmt sich alle Zeit der Welt dafür. Dabei ist Lächeln auf der Bühne überhaupt nicht ihr Markenzeichen. Müde sieht sie heute aus, wie sie da in ihrem blauen Fleecepulli sitzt. Dünnhäutig, angefasst, ungeschminkt und irgendwie versehrt. Man möchte dem Tageslicht, das in die riesigen Fenster der Panorama-Bar dringt, zurufen, nicht so grell in ihre hellgrünen Augen zu leuchten. Die blicken viel zu ungeschützt aus ihrem Gesicht heraus; einem Gesicht, das Käthe Kollwitz gezeichnet haben könnte.

Unbedingte Ehrlichkeit

Morgen nach der Premiere von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ wird sie wie üblich nicht mit den anderen feiern. Auch nicht mit ihrem Lieblingsregisseur Roger Vontobel. Dazu wird sie viel zu aufgewühlt sein. Bloß weg vom Applaus, vom Trubel, von den ganzen Reizen. Ihre Stimme klingt zögernd und matt, wenn sie erklärt, dass dieses Abkapseln vielleicht auch „eine Art Flucht ist“. Sie sei dann noch „so erfüllt von dem, in was ich mich da hineinbegeben habe. Ich kann mich davon nur lösen, wenn ich mit mir allein bin.“ Alles, was sie sagt und tut, scheint auf seinen Wert hin abgewogen und dem Anspruch unbedingter Ehrlichkeit unterworfen zu sein. Man kann ihr dabei zusehen, wie sich die Worte aus ihr herausringen. Der Tribut, den das Spielen von ihr fordere, sei riesig.

Seit der Kindheit hat sie Ängste, die immer wieder kommen und gehen. Die Angst, nicht zu genügen, die Angst, zu eingebildet zu sein, und jetzt die Angst, als Schauspielstar Erwartungen zu enttäuschen. Ihr Vater arbeitete in Bielefeld als Heilpädagoge, ihre Mutter als Ärztin. Schon als Kind habe sie gemerkt, dass sie ihren Eltern mit ihren extremen Gefühlswelten „zu viel werde und habe dann gar nicht mehr geredet über meine inneren Bewegungen. Aber die mussten natürlich trotzdem raus.“ Anfangs habe sie versucht, alles mit sich selbst auszumachen, aber das sei die Hölle gewesen. „Ich dachte als Kind, ich sterbe daran“.

Dann kam das Theater, und es war so, also „hätte meine Seele einen Weg gesucht, diese inneren Energien rauszulassen“. Sie denkt nach und freut sich noch im Nachhinein: Eine Unterwasserprinzessin, ja, genau, die habe sie als erstes in der Grundschule gespielt. Von da ab war das Theater eine geradezu spirituelle Erfahrung für sie. Besonders beim „Woyzeck“ spüre sie das: „Das fühlt sich an, als wenn ich auf einem Fluss bin, der mich trägt und ich aber nicht versuche, meine eigene Richtung zu bestimmen, sondern mich mitgleiten lasse. Ein geführtes Fließen.“ Ihr besonderes Markenzeichen ist die Auflösung der Geschlechterrollen. Unter der großen Karin Henkel, neben Roger Vontobel ihr bedeutendstes Regiependant, hat sie Macbeth und Lessings Tellheim gespielt, zwei im Wahn verfangene, zerstörerische Männer. Das kann sie besser als alle anderen.

Im schlesischen Dialekt

Sie ist Meisterin des Uneindeutigen, gleitet wie keine sonst über Geschlechtergrenzen, changiert als schillerndes Chamäleon. Tilda Swinton fällt einem da ein, Virginia Woolfs aufregender „Orlando“. Der Mensch an sich interessiere sie, erklärt sie mit Nachdruck, nicht, ob jemand Mann oder Frau sei. Wichtig sei außerdem, dass die Sprache einer Rolle gleich gut im Mund liegt. Wie bei Rose Bernd. Da spricht sie während der gesamten Aufführung schlesischen Dialekt. Ein irrer Vorgang sei das, begeistert sie sich. Mit dieser Sprachmelodie im Mund sei sie sofort eine klar umrissene Figur und damit der Zugang zum Spielen frei.

Ob sie es nicht mal mit einer Komödie versuchen möchte – bei der beeindruckenden Galerie von zerstörten Typen, die sie verkörpert hat? Offenbar hört sie das nicht das erste Mal. Viele Leute, die sich um sie Sorgen machen, hätten ihr schon öfter dazu geraten. Die Botschaft ist klar: Nimm die Kunst und das Leben doch mal von der leichten Seite. Aber gerade das scheint für sie nicht einfach zu sein, diese unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Vielleicht später mal. Erst müsse sie sich das selbst zutrauen.

Seit anderthalb Jahren gibt es jemandem in ihrem Leben, der sie entspannt von dem ganzen Theaterrummel. Sie führt eine Beziehung zu einer Frau. „Es ist faszinierend, auf diese Weise noch ein anderes intensives Leben kennenzulernen neben der Welt des Theaters.“ Da ist es wieder, dieses schiefe, kleine Lächeln. Es breitet sich mit aufreizender Langsamkeit auf ihrem blassen Gesicht aus. Sie nimmt sich alle Zeit der Welt dafür.

Schauspiel Frankfurt

Premiere 14. Oktober, 19.30 Uhr.
Weitere Vorstellungen bis 2. Dezember. Karten von 25 bis 58 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94.
Internet www.schauspielfrankfurt.de

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