12.09.2017 03:30 |

Stellen im Handwerk: Wir finden keine Mitarbeiter

Während die Hochschulen von Studierenden überlaufen sind, bleiben im Handwerk immer mehr Stellen unbesetzt. Dimitri Mayer, stellvertretender Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Main-Taunus mit Sitz in Hofheim, weiß von den Problemen. Deren Ursache führt er teils auf den demographischen Wandel und teils auf den Trend zu studieren zurück.

Insbesondere im Lebensmittelbereich (Bäcker, Metzger) wird es immer schwieriger, vorhandene Ausbildungsstellen zu besetzen. Auch in den „beliebten Berufen“ wie Friseure, KFZ-Mechatroniker oder Anlagenmechaniker bleiben immer mehr Ausbildungsplätze und Stellen unbesetzt. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, nimmt die Kreishandwerkerschaft frühzeitig die 7. bis 10. Klassen ins Visier. Ausbildungsmessen informieren über die handwerklichen Berufe und stellen die vielfältigen Möglichkeiten dar.


Ohne familiäre Unterstützung geht es nicht


„Ich würde gerne jemanden anstellen!“ Den Wunsch, den Maximilian Brestel schon seit Jahren mit sich trägt, hat der Dachdeckermeister mittlerweile fast schon aufgegeben. Dabei hatte er mehrere Versuche gestartet, gut ausgebildete Mitarbeiter zu finden. So war beispielsweise die Anfrage bei der Agentur für Arbeit eine Fehlanzeige. Drei Bewerbervorschläge wurden ihm geschickt. „Da hat sich keiner gemeldet“, erinnert sich der Hofheimer, der nach wie vor daran interessiert ist, einen Dachdecker zu finden. „Doch leider“, so Brestel, „gibt es zu wenig qualifiziertes Personal in unserem Gewerk.“

Die Überlegung, einen Auszubildenden anzustellen, hat Maximilian Brestel ebenfalls vorerst abgehakt. Für eine Rundumbetreuung des Lehrlings fehlt ihm ein Dachdeckergeselle. Er selbst hat dazu nicht immer die Zeit. Die letzte Nachfrage nach einem dreijährigen Ausbildungsverhältnis kam vor drei Jahren.

Maximilian Brestel sucht schon seit langem einen Mitarbeiter für seinen Dachdeckerbetrieb.

Die Ursache über den Unmut, den handwerklichen Beruf zu ergreifen, vermutet er in der politischen Entwicklung. „Es landen viele Leute in akademischen Berufen, weil sie meinen, dort mehr Perspektiven zu haben.“ Zudem komme der Ruf hinzu, dass Lehrlinge nicht gut behandelt würden. Den Hauptpunkt allerdings kennt der 35-Jährige aus eigener Erfahrung: Das gesellschaftliche Ansehen.

Um seine Kunden zu bedienen und anstehende Arbeiten ausführen zu können, greift Maximilian Brestel neben einer Ganztags- wie einer Teilzeitkraft auf Familienangehörige zurück. Seine Mutter, die mit ihm die Firma gründete, unterstützt ihn bei der Büroarbeit. Sein Vater springt hin und wieder ein. In dem kleinen Betrieb spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle. „Man sieht sich jeden Tag und arbeitet täglich mit dem Chef zusammen. Das ist nicht ganz einfach.“

Die Arbeit auf dem Dach ist kein Zuckerschlecken. Manchmal müssen 30 bis 40 Kilogramm schwere Gewichte getragen werden. Zudem macht das Wetter den Arbeitern oft einen Strich durch die Rechnung. „Jeder trockene Tag ist bares Geld“, sagt Brestel, der wegen des Wetters oft schon ab Ende Oktober nur noch partiell arbeiten kann. Beruflich klettert Maximilian Brestel seit 18 Jahren leidenschaftlich gern auf fremde Dächer. Er repariert, bessert aus, legt neue Dachpfannen oder Dachziegel oder schützt Häuser vor den Wettereinflüssen mit anderen Materialien. „Am liebsten mache ich traditionelle Arbeiten, die auch schon vor 100 Jahren gemacht wurden“, verrät er.

Der Entschluss, den Beruf des Dachdeckers zu wählen, „hat sich mehr oder weniger zufällig ergeben.“ Als sein Vater ein Ferienhaus in Frankreich gekauft hatte, hatte er ihm beim Decken des Daches geholfen. „Von meinem Vater habe ich das meiste gelernt!“, verrät der Vater eines sechsmonatigen Jungen. Vielleicht wird sein Sohn das später auch einmal über seinen Vater sagen. dp
 

Der Job des Physiotherapeuten ist auch wegen der geringen Bezahlung für viele nicht gerade attraktiv
 

„Ewig“ , sagt Tim Bode, habe die Anzeige an der Haustür und seinem Praxisschild an der Kirschgartenstraße gehängt. „Wir suchen eine/n engagierte/n Physiotherapeutin/en“, stand da zu lesen. Tatsächlich sind es sechs bis acht Wochen gewesen. Auch weitere Versuche über Facebook oder über ein kostenpflichtiges Internetportal für Physiotherapeuten brachten nichts. Gemeldet hat sich bisher niemand.

Seit zehn Jahren arbeitet Tim Bode in seinem Traumberuf und teilt sich mit seinem Vater Peter eine Praxis für Physiotherapie, Krankengymnastik und Massage. Beide hatten sich schon einige Male erfolglos auf die Suche nach einem Physiotherapeuten gemacht. Als der Vater einen Bandscheibenvorfall erlitt, suchte der junge Mann abermals verstärkt und händeringend nach einer Vollzeit- oder Teilzeitkraft. Selbst über eine Aushilfe mit flexiblen Arbeitsstunden wäre er dankbar gewesen. Auch Nachfragen bei Kollegen, Bekannten, Patienten, Schulen und Unis führten zu keinem Ergebnis. „Das Allerschlimmste ist, dass noch nicht mal jemand da war!“, äußert sich der Praxisinhaber.

Tim Bode weiß, dass es nicht einfach ist, eine gute Fachkraft zu finden. Auch andere Praxen haben dieses Problem. „Wir hatten mal eine tolle Angestellte. Sie ist vor einem knappen Jahr mit ihrem Mann nach Berlin gezogen“, erzählt er. Der Markt an Physiotherapeuten scheint leergefegt zu sein. Den Grund für den Mangel vermutet der 33-Jährige in der zurückgehenden Anzahl der Auszubildenden. „Früher ist das ein boomender Beruf gewesen.“ Ausgebildet wird an staatlichen wie an privaten Schulen oder an Instituten. Während sein Vater noch eine Ausbildung als Masseur an einer staatlichen Schule absolvierte und anschließend ein Examen zum Krankengymnast hinzufügte, studierte Tim Bode acht Semester am Idsteiner Fresenius Institut. Beide haben sich ständig fortgebildet und können viele zusätzliche Ausbildungen vorweisen.

Manchmal denkt der Physiotherapeut mit Bachelor of Health über persönliche Veränderungen nach. „Es muss gerade im Bereich der Krankenkassen einige Änderungen geben“, meint Bode. Gemeint ist damit die Vergütung für Massagen oder andere physiotherapeutische Behandlungen. Doch solange das nicht geschehe, so befürchtet er, sei der Job, „wo man wenig Geld verdient“, unattraktiv für junge Leute.

Für die dreijährige Ausbildung müssen viele angehende Physiotherapeuten bis zu 500 Euro Schulgeld pro Monat zahlen. Derzeit sind noch etwa 80 Prozent der bundesweiten Schulen kostenpflichtig. Die Aussicht danach durchschnittlich ein Monatsgehalt von bis zu 2200 Euro bei einer 40 Stunden-Woche zu verdienen, ist für viele nicht sonderlich attraktiv.

Seit dieser Woche atmet Tim Bode etwas auf. Sein Vater Peter Bode, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Praxis-Jubiläum in Hofheim haben wird, ist an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Er wird seine tägliche Arbeitszeit langsam steigern und hofft, bald wieder fit zu sein. dp
 

Man muss eine Leidenschaft für den Beruf mitbringen

Wie schwierig es ist, eine Arbeitskraft zu finden, hat auch Elizabeth Ballesteros-Gomez erfahren. Vor einem Jahr übernahm die Schuhmacherin einen Laden in Hofheims Stadtmitte. Bereits nach vier Monaten suchte sie eine Teilzeitkraft. Leider war bei den drei Angeboten der Agentur für Arbeit niemand dabei, „der Ahnung vom Beruf hatte“. Der Versuch,einen Mitarbeiter einzuarbeiten, der auf Empfehlung zu ihr gekommen war, missglückte. Er gab schon nach drei Monaten auf. „Er hatte kein Interesse und war vielleicht auch überfordert“, meint dazu die Inhaberin. „Es gibt immer weniger Leute für dieses Handwerk“, weiß die 35-Jährige.

Die junge Frau, deren Wurzeln in Kolumbien liegen und die vor fünfeinhalb Jahren nach Deutschland kam, konnte es kaum abwarten, Deutsch zu lernen und etwas Neues anzupacken. Genauso schnell, wie sie die Sprache lernte, entschloss sich die gelernte Verkäuferin für eine dreijährige Schuhmacherausbildung.

Foto: Hans Nietner

Auch in ihrem Heimatland hatte Elizabeth Ballesteros-Gomez bereits selbständig gearbeitet und in einem kleinen Laden Sandalen hergestellt und Frauenschuhe repariert. „Man muss eine Leidenschaft für den Beruf mitbringen“, erklärt sie über das Handwerk, bei dem sowohl kreative Lösungen gefragt sind, wie die Bereitschaft etwas Neues zu lernen. „Auch schmutzig wird man. Das muss man ertragen können.“ Ihre Fingernägel sind kurz geschnitten, der rote Lack ist teilweise abgeblättert. Spuren auf der Schürze zeigen, dass gearbeitet wird. „Das kommt von den Schuhen und der Schuhcreme“, sagt sie. Tritt sie in den kurzen Pausen auf die Straße, um einige Sonnenstrahlen und Sauerstoff zu erhaschen, fängt sie auch schon mal musternde Blicke von vorübergehenden Passanten auf.

Elizabeth Ballesteros-Gomez hat viel zu tun. Die Mutter eines 10-jährigen Sohnes hat die Hoffnung, jemanden zu finden, noch nicht aufgegeben. In einigen Wochen wird ein Praktikant an ihrer Seite stehen. „Für mich ist es wichtig, dass jemand Lust hat zu lernen“, sagt die Marxheimerin. dp



 

Kommentare

  • Bildungsgerechtigkeit
    geschrieben von geandi (9 Beiträge) am 12.09.2017 09:11

    Nur 60% schaffen bisher das ABI, damit es gerecht zugeht müssen aber 100% das ABI machen- da ist für Handwerker kein Platz... ach ja und wo sind die vielen motivierten Flüchtlinge?

  • Wie kann das sein?
    geschrieben von EiGude (38 Beiträge) am 12.09.2017 05:00

    Im Sommer vor 2 Jahren kamen so viele Facharbeiter nach Deutschland - aber nach wie vor fehlen Facharbeiter?



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