11.08.2017 03:30 | Sascha Kröner

Gemälde bei Renovierungsarbeiten von August Emrich aus dem Jahr 1926 entdeckt: Loreley versteckt hinter alter Tapete

Eddersheim Bei der Renovierung im Erdgeschoss der ehemaligen Gaststätte „Zum Anker“ machten Rainer Steinbrech und seine Lebensgefährtin Ute Maginot eine besondere Entdeckung. Diese wollen beide nun einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

Rainer Steinbrech zeigt Günter Emrich, dem Enkel des Künstler, seine Entdeckung.
Rainer Steinbrech zeigt Günter Emrich, dem Enkel des Künstler, seine Entdeckung.

Jede Renovierung bringt unangenehme Arbeiten mit sich. An der Spitze der unbeliebtesten Aufgaben steht wohl das Abkratzen alter Tapetenreste. Wer die Wand mit der Spachtel bearbeitet, kommt meist nur mühselig voran und sieht kaum Fortschritte. Einen unerwarteten Motivationsschub erlebten Rainer Steinbrech und seine Lebensgefährtin Ute Maginot. Das Paar wohnt im ehemaligen Gasthaus „Zum Anker“ und machte bei Renovierungen im Erdgeschoss eine ungewöhnliche Entdeckung: Unter der Tapete der ehemaligen Weinstube kamen geheimnisvolle Gemälde zum Vorschein. Die Entfernung der Wandverkleidung konnte ab diesem Moment gar nicht mehr schnell genug gehen.

Eine Postkarte lieferte dem Künstler 1926 das Motiv für sein Gemälde.
Eine Postkarte lieferte dem Künstler 1926 das Motiv für sein Gemälde.

Ute Maginot war als erstes auf die rätselhaften Wandmalereien gestoßen. Sie erinnert sich noch genau an den Abend im Februar, als sie unter einem Tapetenfetzen farbigen Untergrund sah. „Das könnte ein Ufer sein“, sei ihr erster Gedanke zu dem blauen Bildausschnitt gewesen. Dann rief sie ihren Freund, den der Fund natürlich genauso faszinierte. Fast die ganze Nacht kratzte das Paar und versuchte alle Bereiche des Bildes mit Rasierklingen freizulegen. Mit jedem Tapetenstück wuchs das Gemälde. „Es herrschte Goldgräberstimmung“, erzählt Rainer Steinbrech.

Noch mehr Geheimnisse

Der erste Eindruck eines Flussufers bestätigte sich: Auf der Wand erschien das Bild eines Schiffs, das vor dem Loreley-Felsen auf dem Rhein fährt. Dabei blieb es allerdings nicht. Rainer Steinbrech und Ute Maginot fanden schnell heraus, dass die Tapete noch mehr Geheimnisse verbarg. Links neben der Loreley legten die Eddersheimer ein Gemälde der Burg Rheinstein frei. Auf der gegenüberliegenden Wand tauchte eine Malerei der Burg Ehrenfels auf. Eines der Werke lieferte mit der Zahl 1926 einen Hinweis auf das Entstehungsjahr der Bilder. Außerdem fanden die beiden „Goldgräber“ die Signatur „A. Emrich“, mit der sich der Maler verewigt hatte. Für Rainer Steinbrech war dies das entscheidende Puzzlestück, um dem Künstler aus der Weinstube auf die Spur zu kommen.

Der Eddersheimer erinnerte sich nämlich an den ehemaligen Farbenladen im Ort, der von einer Familie Emrich betrieben wurde. Ohne zu zögern nahm er Kontakt auf und erfuhr, dass es sich bei dem Maler um August Emrich gehandelt haben muss. Dessen Enkel Günter Emrich versorgte Steinbrech mit vielen Informationen und alten Fotos.

August Emrich wurde im Jahr 1892 geboren und erwarb einen Meisterbrief als Tüncher und Anstreicher. Später habe sein Großvater eine zusätzliche Ausbildung absolviert und als Eddersheimer Ortspolizist gearbeitet, erzählt Günter Emrich, den das Auftauchen der Wandgemälde ebenfalls überraschte. „Das Maler-Gen liegt in unserer Familie“, sagt der Nachfahre. Sein Vater Heinz Emrich habe auch gemalt und nach dem Zweiten Weltkrieg das Malergeschäft in der heutigen Frankenstraße geführt.

Kuriose Geschichte

Bei den Gemälden im ehemaligen Gasthaus scheint es sich um Auftragsarbeiten zu handeln, die August Emrich im Jahr 1926 für den damaligen Besitzer ausführte. Rainer Steinbrech hat im Internet recherchiert und herausgefunden, dass alle drei Bilder Postkartenmotive darstellen. Die original Grußkarten hat er mittlerweile online erworben.

Die Geschichte wird allerdings noch kurioser: Bei Nachforschungen über die Historie des Hauses fand der Eddersheimer heraus, dass die Gaststätte im Jahr 1923 einem Jakob Lorenz Steinbrech gehörte. Der Auftraggeber der Bilder könnte ein entfernter Verwandter von ihm gewesen sein, vermutet Rainer Steinbrech, der das Gebäude vor einigen Jahren ohne dieses Wissen erwarb.

Der historisch interessierte Eigentümer möchte die Bilder im Erdgeschoss seines Hauses nicht wieder verdecken. Rainer Steinbrech plant, die Weinstube als kleines Heimatmuseum einzurichten und bei Bedarf zu öffnen (siehe Info) „In neun Jahren feiern wir dann ein großes Fest, wenn die Bilder 100 Jahre alte werden“, sagt der Eddersheimer lachend.

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