12.08.2017 03:30 | Frank Weiner

Bewegte Geschichte: "Frankfurter Hof" feiert 175. Geburtstag: Die kleine Kneipe in unserer Straße

Die Geschichte des beliebten Lokals ist bewegt. Und sie geht weiter: Denn die Tochter der Gastronomin will einmal übernehmen und Traditionen bewahren.

Hannelore Wiegand ist seit 30 Jahren die Chefin hinterm Tresen, Tochter Bettina unterstützt und wird mittelfristig übernehmen.	Fotos/Repros: Knapp
Hannelore Wiegand ist seit 30 Jahren die Chefin hinterm Tresen, Tochter Bettina unterstützt und wird mittelfristig übernehmen. Fotos/Repros: Knapp Bild: Knapp

Die Jukebox im Nebenraum hat Klassiker zu bieten. Aber keiner passt besser zu dieser Gaststätte als „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander. Wenn das läuft, kommen Hannelore Wiegand und ihre Tochter Bettina hinter dem Tresen hervor, schunkeln und singen mit den Gästen. Wo gebe es das noch, sagt die Tochter der Chefin – „eine typische Kneipe, du trinkst deinen Schoppen, kannst dir deine Sorgen vom Leib reden“? Der „Frankfurter Hof“ an der Frankfurter Straße in Münster, der seit gut 30 Jahren den passenden Zusatz „bei Hannelore“ trägt, ist so eine Gaststätte. Und hier lebt eine Tradition weiter: Seit 175 Jahren gibt es den Betrieb schon, das wird am 19. und 20. August groß gefeiert (siehe Info).

Wer bei Hannelore vorbeischaut, der sieht: hier ist die Zeit irgendwie stehen geblieben – im wahrsten Sinne des Wortes: Denn die Wanduhr steht immer auf 12 oder 24 Uhr – ganz wie gewünscht. Alte Bilder an der Wand zeigen besondere Menschen und Momente. Die 72 Jahre alte Chefin steht meist hinter dem Tresen und serviert neben Bier und Apfelwein, die weiterhin hauptsächlich gefragt sind, einen ebenso traditionsreichen Schnaps: den „Reichs-Post-Bitter“ von 1843 aus Bad Homburg. „Hannelore, mach’ bitte gleich mal drei Hustensaft“ – diese Bestellung hört sie oft. Aus gutem Grund: Einmal war eine angeheiterte Gruppe aus Liederbach zu Besuch. Einem Gast wollte sie aber keinen „Reichs-Post-Bitter“ mehr zumuten – also gab sie ihm tatsächlich Hustensaft, was dieser nicht gemerkt habe, erzählt die Chefin. Seitdem ist diese Bestellung das geflügelte Wort geworden.

Seit sie den „Frankfurter Hof“ 1987 allein übernommen hat, kann sie einige Geschichten erzählen. Mal kam eine Dame mit einem Pferd in den Gastraum, es wurden Nächte durchgefeiert – und am nächsten Tag ging’s für Mutter und Tochter direkt zu „Rock am Ring“. Oder es wurde so lange getagt, bis der Brötchenduft vom früheren Bäcker Kilb nebenan rüberwehte – und es zünftiges Frühstück gab. Nur ungern erinnert sich Hannelore Wiegand an eine Bedrohung durch einen Gast, die allerdings zum Glück eine Ausnahme war.

Denn die Chefin hat ihren Laden im Griff, die Gäste kommen gerne. Ans Aufhören habe sie nie gedacht, Höhen und Tiefen habe es natürlich gegeben. Doch viele kommen immer wieder und schätzen die typische Kneipe: „Klasse, dass es euch noch gibt.“ Kein Wunder, bei dem Service: Auf Bestellung macht die Gastronomin Rumpsteak, die Kerbeburschen bekommen nach dem Baumholen an Kerb 40 Schnitzel, saisonal gibt es Speisekarten mit Grüner Soße oder Hering. Und wenn die Tochter, die am Flughafen berufstätig ist, im Herbst hin und wieder hinter dem Tresen steht, spendiert sie schon mal eine Runde Apfelpfannkuchen.

Zum Jubiläum hat Hannelore Wiegand fast keinen Wunsch. Wie ihre Mutter bis Mitte 80 hier arbeiten, „das habe ich vor“. Ihre Tochter betont: „Wir möchten, dass es eine Kneipe bleibt, wie sie eine ist, und kein modernes Teil daraus machen.“ Geplant ist, dass die 56-Jährige einsteigt, wenn sie am Flughafen aufhört. Die Familie steht zusammen: Hannelores Bruder August und Schwägerin Karin stehen ebenso hinter dem Tresen wie Bettinas Kinder Eric, der Koch gelernt hat, und Jennifer. So gönnt sich die Oma jedes Jahr ihre Thailand-Reise.Doch den Rest des Jahres ist sie mit Leib und Seele Wirtin. Schon früh rutschte sie als Elfjährige mit rein, lernte aber Bürokauffrau und bekam drei Kinder. Später arbeitete sie nebenbei in der Metzgerei, führte abends das Lokal. Geburtstags- und Weihnachtsfeiern sind hier möglich, der Hausball an Fastnacht ist schon legendär, mal gibt es ein Oktoberfest, mal einen Silvesterstadl – und bei Fußball-WM und -EM ein Public Viewing im Biergarten im Hof. Vereine und Skatgruppen haben hier ihren Stammtisch. Für sie hat Bettina Wiegand, die sich in der Münster Frauenfassenacht sehr engagiert, früher mal Busreisen organisiert. Einen kleinen Strand mit Liegestühlen hat sie im Hof angelegt. Ab und zu schaut ein Promi vorbei. Zum 150. Geburtstag war das Eintracht-Frankfurt-Trainer Dragoslav „Stepi“ Stepanovic, später Ex-Fußballmanager Reiner Calmund. Für ihn gab’s Schnitzel von der Oma und einen Spezial-Nachtisch vom Enkel.

(wein)

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