14.09.2017 03:30 | Walter Mirwald

Rund um das Sulzbacher Rathaus: „Eine Kontaktbörse für liebe Menschen“

Sulzbach Auf dem Platz vor dem Rathaus herrscht bei schönem Wetter munteres Treiben. Da steht der Bücherschrank zur kostenlosen Ausleihe, die Trattoria „Mamma Mia“ und der nahe gelegene Spielplatz laden ein zum Verweilen im Freien. Doch gestern dachten die vorüber eilenden Passanten: „Nur raus aus dem Regen.“

Voilà, noch ein Tässchen Kaffee: Beim strömenden Regen verweilen die Rentnerinnen Angelika Rotter (von links) und Brigitte Vogel gern ein bisschen länger im Laden von Cemal Gülbeyaz, der seit elf Jahren ein Treffpunkt im Ortskern ist. Bilder >
Voilà, noch ein Tässchen Kaffee: Beim strömenden Regen verweilen die Rentnerinnen Angelika Rotter (von links) und Brigitte Vogel gern ein bisschen länger im Laden von Cemal Gülbeyaz, der seit elf Jahren ein Treffpunkt im Ortskern ist. Bild: Hans Nietner

Beatrice Enders hält sich zum Schutz vor dem Regen die Handtasche über den Kopf, als sie vor Cemal’s Laden und dem Friseursalon geparkt hat und auf den Rathauseingang zustrebt. Sie will noch vor der Mittagspause beim Bürgerservice ihren neuen Ausweis abholen. Der alte wurde ihr im Großmarkt Selgros in Eschborn gestohlen, mitsamt Handtasche und Handy.

„Ich habe nur eine Minute nicht geguckt, und schon war es passiert“, ärgert sich die Sulzbacherin noch heute. Jetzt hat sie zumindest wieder einen neuen Ausweis. Flugs rennt sie im Regen über die Straße, steigt in ihren schwarz lackierten Wagen und fährt weiter.

Derweil ist Ortspolizist Angel Rodriguez Toledo zum Dienstbeginn am Rathaus eingetroffen. Er lässt sich im Eingangsbereich der Gemeindeverwaltung an der Stechuhr registrieren und macht sich in seiner blauen Uniform auf den Weg in sein Büro.

Ein strammes Tagesprogramm steht für ihn an. Im Rahmen des Verkehrstages im Osten des Main-Taunus-Kreises sei Sulzbach an der Reihe, erzählt der aus Kuba stammende „Ortssheriff“. Eigentlich sollen die Ordnungspolizisten aus vier Orten und die Polizei den Verkehr an der Einmündung der Klosterhofstraße in die Hauptstraße kontrollieren. „Ob das bei diesem Regenwetter aber wirklich realisiert wird, weiß ich nicht“, sagt Angel Rodriguez Toledo.

Im Rathaus wird bald die Mittagspause beginnen und die Pforte geschlossen. Auf der Hauptstraße ist kaum ein Mensch zu sehen. Eine Handvoll Leute hastet durch den Regen und geht in Cemal’s Laden, der gegenüber vom Rathaus liegt. Dort gibt es Zeitungen, Zigaretten, eine Lottoannahmestelle, einen Passbilderservice und – wie die Leute sagen – besonders guten Kaffee.

Christine Lang erledigt einen schnellen Einkauf. Auf das Foto will die 65 Jahre alte Rentnerin nicht. Sie kommt gerade von der Gymnastik zurück, ist ordentlich geschwitzt und will rasch nach Hause.

Brigitte Vogel, die gerade reinkommt, hat mehr Zeit. Sie gehört zu dem guten Dutzend Stammkunden, meist Rentner, die jeden Morgen bei Cemal Gülbeyaz Kaffee trinken und Neuigkeiten austauschen. Angelika Rotter, auch Stammkundin und Kaffee-Liebhaberin, gesellt sich zu ihr.

Andreas Gnass betritt den Laden zu einem Kurzbesuch. „Kaffee holen, Lotto spielen, weiter geht’s“, sagt Gnass, der einen Handwerkerservice betreibt. Seine Arbeitsklamotten sind nass. „Ich arbeite auch bei Regen und habe gerade in einem Garten Pflaster gelegt“, erzählt der Sulzbacher, der gleich nach Kelkheim fährt, um sich eine Baustelle anzugucken.

Joachim Kahle, katholischer Gemeindereferent mit Sitz im Pfarrbüro in der Bad Sodener Salinenstraße, kommt jeden Tag um 12.30 Uhr zu Cemal, trinkt einen Kaffee und fährt dann nach Hause zum Mittagessen. Kahle: „Das ist hier eine schöne Anlaufstelle, eine Kontaktbörse. Man trifft liebe Menschen. Cemal ist ein Mensch mit einem großen Herzen, er hilft den Menschen und bringt ihnen auch Dinge nach Hause.“

Der Ladenbesitzer, der seit elf Jahren im Ortskern residiert, sagt: „Wer eine Wohnung sucht oder etwas Gebrauchtes für den Haushalt – alle kommen zu mir.“ Joachim Kahle ergänzt: „Auch der pensionierte frühere katholische Pfarrer Paul Schäfer kommt hierher, bringt genau wie ich die Hemden zum Waschen und Bügeln und hält ein Schwätzchen.“

Die Zeit vergeht während der Plaudereien wie im Flug – schon ist die Mittagspause der meisten Rathausmitarbeiter vorbei, da bringt Andrea Somma, Chef der „Mamma Mia“ von gegenüber, das Mittagessen für Cemal. Es gibt Rinderleber mit Bratkartoffeln und Salat. „Ich ziehe mich mal kurz zurück und esse etwas“, sagt Cemal entschuldigend. „Ihr kommt schon alleine klar“, verabschiedet er sich kurz. Draußen regnet es immer noch in Strömen.

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