14.09.2017 03:00 | Holger Vonhof

Gewerbetreibende klagen über Bürokratie: Die Probleme am Rande der Stadt

Frankfurter Westen Zweimal im Jahr begibt sich eine Delegation von Magistrat, Ämtern, Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, Industrie- und Handelskammer sowie Wirtschaftsförderung auf Expedition. Gestern erkundeten sie Unternehmen in Sindlingen, Zeilsheim und Unterliederbach.

Jungunternehmer: Thomas Sittig (l.) und Christian Tischler führen einen Sindlinger Elektronik-Betrieb, der weltweit im Geschäft ist.
Jungunternehmer: Thomas Sittig (l.) und Christian Tischler führen einen Sindlinger Elektronik-Betrieb, der weltweit im Geschäft ist. Bild: Maik Reuß

Immo Herbst ist ein Schaffer: Nach seiner Gärtnerlehre bei der Stadt machte er sich als Ein-Mann-Betrieb selbstständig und ist heute Chef einer Unternehmensgruppe mit 272 Mitarbeitern und 17 Auszubildenden an der Silostraße. Garten- und Landschaftsbau, Dach- und Innenraumbegrünung, Abbruch und Rückbau, selbst Straßen- und Tiefbau gehören zu seinen Spezialisierungen. Seine Mannschaften sind im ganzen Rhein-Main-Gebiet unterwegs.

Deswegen kann er vergleichen. Fast täglich hat er Kräne im Einsatz, braucht dafür Genehmigungen zur Straßensperrung: „In Sulzbach dauert die Genehmigung vier Stunden, in Wiesbaden zwei Tage und in Frankfurt acht Wochen.“ Etwas weniger Bürokratie wünscht sich der Unternehmer deshalb von Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU), der ihn zum „Wirtschaftstag“ mit einer Delegation besucht. Zweimal im Jahr finden solche Exkursionen mit Vertretern der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer sowie der Wirtschaftsförderung statt; diesmal hat man sich den äußersten Westen ausgesucht und schaut bei Firmen in Sindlingen und Zeilsheim sowie im Unterliederbacher Gewerbegebiet an der Silostraße vorbei.

Weltweit im Geschäft

Es sind keine Klitschen, die es dort in den Stadtteilen zu entdecken gibt, sondern Perlen. Vom „Sindlingen Valley“ statt „Silicon Valley“ spricht Markus Frank im Fall der Sittig Industrie-Elektronik GmbH & Co KG. Firmengründer Michael Sittig hat 1987 zwar nicht in der sprichwörtlichen Garage, aber auf dem Dachboden angefangen. Inzwischen führen sein Sohn Thomas und Christian Tischler die Firma, die unter anderem computergesteuerte Kommunikations- und Durchsagesysteme für Flughäfen konzipiert, etwa für Frankfurt, München, Abu Dhabi oder Hurghada, und die jüngst 300 Bahnhöfe im australischen Bundesstaat New South Wales so vernetzt hat, dass einfahrende Züge auch im hintersten Outback-Kaff angesagt werden. 35 Mitarbeiter hat die Firma nun und eine Dependance in der Slowakei. Die Expertise der Profis aus Sindlingen wird weltweit verlangt.

Peter und Claudia Nikov (r.) führen Dr. Christof Riess (l.), Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, und Wirtschaftsdezernent Markus Frank durch ihren Zeilsheimer Polsterei-Betrieb. Foto: Maik Reuß
Peter und Claudia Nikov (r.) führen Dr. Christof Riess (l.), Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, und Wirtschaftsdezernent Markus Frank durch ihren Zeilsheimer Polsterei-Betrieb.

Auch Volker Hintz, Wirt des Traditionslokals „Der Löwe“ in Zeilsheim, das Ausgangspunkt der Rundtour ist, beklagt ausufernde Bürokratie: „Als Wirt soll man eigentlich Gastgeber sein, aber man kommt kaum noch dazu.“ Zweite Station in Zeilsheim ist die Firma „Polsterei und Design Nikov“ im Nördlinger Weg 9. Peter Nikov gründete seine Firma 1985 – und macht heute nicht nur Polster- und Bezugsarbeiten für privat, sondern ist auch mit der Industrie im Geschäft.

Der Bus, mit dem die Delegation herumfährt, gehört zur EMO Reisen GmbH, die in der Straße Im Weidensee ihren Sitz hat. Die 1956 gegründete Firma hat sich als Familienunternehmen nicht nur auf Tagesfahrten, sondern auch auf Transfer- und Linienverkehr spezialisiert. Verkehrsprobleme sind es auch, die vielen Gewerbetreibenden im Magen liegen: Am Lokal „Der Löwe“ findet man nur schwer Parkplätze.

Baustraße freigeben

Beim Sindlinger Metallbaubetrieb Löllmann sitzen auch die Gebrüder Krämer mit am Tisch, die ein Gartenbauunternehmen betreiben, und gemeinsam klagen sie der Delegation ihr Leid wegen der Verkehrslage: Die großen Lastwagen der Firma Krämer müssen durch die Okrifteler Straße fahren, weil die Baustraße nur für den Klärwerksverkehr und Anlieger frei ist. Die Firma Löllmann hat das gleiche Problem, wenn ihre Zulieferer versuchen, das Firmengelände zu erreichen. Die Okrifteler Straße ist aber schon für normalen Begegnungsverkehr zu schmal. Beide Betriebe wünschen sich, dass die Baustraße freigegeben und verbreitert wird. Die Stadt will nun prüfen.

Immo Herbst (gelbe Jacke) zeigt der Delegation eine Baustelle auf dem Grundstück an der Silostraße: Hier entsteht eine Firmen-Tankstelle. Foto: Maik Reuß
Immo Herbst (gelbe Jacke) zeigt der Delegation eine Baustelle auf dem Grundstück an der Silostraße: Hier entsteht eine Firmen-Tankstelle.

Doch wer forciert das? Unterliederbach und Zeilsheim haben keine Gewerbevereine mehr, sie haben sich aufgelöst. Sven Callender, Vorsitzender des Sindlinger Gewerbevereins, warnt: „Es geht um mehr. Kein Stadtteilfest kann stattfinden, ohne dass sich ein Unternehmer vor Ort dafür einsetzt. Aber wenn wir den Karren ziehen, müssen Sie uns den Weg bereiten.“

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