12.08.2017 03:30 | Christian Scheh

Tagelöhner nahe der EZB: Urin, Abfall, Lärm: Frankfurts "Arbeiterstrich" nervt die Anlieger

Frankfurt Auf dem "Arbeiterstrich" gegenüber der Europäischen Zentralbank versammeln sich an Werktagen Dutzende Tagelöhner auf Jobsuche – sehr zum Missfallen der Anwohner, die über negative Begleitumstände wie Verschmutzung und Ruhestörung klagen. Auch die Angst vor Übergriffen geht inzwischen um.

Auf dem „Arbeiterstrich“ in der Sonnemannstraße hoffen diese Männer auf einen Tagesjob, der ihnen ein paar Euro einbringt.
Auf dem „Arbeiterstrich“ in der Sonnemannstraße hoffen diese Männer auf einen Tagesjob, der ihnen ein paar Euro einbringt. Bild: Leonhard Hamerski

Es war lange ruhig um den „Arbeiterstrich“ im Ostend. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Situation dort entspannt hätte. Glaubt man den Anliegern der Sonnemann- und Howaldtstraße, ist die Zahl der Tagelöhner auf Jobsuche in den vergangenen Monaten sogar gestiegen. „Auf der ganzen Länge der Sonnemannstraße stehen manchmal 100 Leute“, schätzt Antonio Marcellino, Wirt der Pizzeria „Mille Lire“. Vor allem Männer aus Osteuropa postierten sich auf dem Gehweg, bis ein Auftraggeber anhalte und sie zu einer Baustelle fahre. Landespolizeisprecher Manfred Füllhardt spricht von zeitweise bis zu 40 Arbeitssuchenden.

Wirt Antonio Marcellino steht auf dem Gehweg vor seiner Pizzeria, rechts warten drei Tagelöhner auf einen Auftraggeber. Foto: Rainer Rüffer
Wirt Antonio Marcellino steht auf dem Gehweg vor seiner Pizzeria, rechts warten drei Tagelöhner auf einen Auftraggeber.
Gastronom Marcellino berichtet, dass die Lage mitunter „unerträglich“ sei: „Die Männer haben auch schon in unser Treppenhaus gepinkelt und dort ihr großes Geschäft gemacht.“ Wenn eine „Masse von Arbeitern“ vor dem Lokal stehe, schrecke das leider auch Kunden ab. „Oft, wenn ich die Leute bitte, den Ort zu wechseln, heißt es frech: ,Was willst du? Ich kann stehen, wo ich will, das ist öffentlicher Raum!‘“ Bei Regen stellten sich die Arbeiter oft unter die Markise der Pizzeria und in Hauseingänge: „Hier nebenan wohnen alleinstehende, junge Frauen, die haben Angst, morgens das Haus zu verlassen.“ Die würden sozusagen „mit Blicken ausgezogen“.

Furcht vor Vergeltung

Eine Anwohnerin aus der Howaldtstraße, die ihren Namen aus Furcht vor Vergeltungsaktionen nicht in der Zeitung lesen möchte („Ich will ja noch weiter hier wohnen!“ ), spricht ebenfalls von einer „Verschlechterung“ der Lage. Früher habe sich der „Arbeiterstrich“ auf beide Straßenseiten verteilt. Die Sicherheitsleute der Europäischen Zentralbank (EZB) schickten die Jobsuchenden aber konsequent weg, so dass sich die „Szene“ nun auf der gegenüberliegenden Straßenseite und inzwischen auch in der Howaldtstraße sammle.

Die Arbeiter blockierten manchmal den ganzen Bürgersteig, sagt die Anwohnerin. Sie suchten zum Pinkeln den Hinterhof oder das Treppenhaus auf und verursachten Müll. „Die Abfalleimer quillen über, ständig liegen Becher und Kippen auf der Straße.“ Auch der Alkoholkonsum sei ein Problem. „Wenn es keinen Job gibt, dann wird eben getrunken und gefeiert – und wenn man sich über den Lärm beschwert, wird man angepöbelt.“

Eine Hausmeisterin aus der Sonnemannstraße hat ebenfalls genug: „Ich muss zwei Mal pro Woche Urin wegwischen“, empört sie sich. Mitunter gerieten die Wartenden in Streit um die besten Plätze, erzählt sie. Einmal, vor etwa einem Jahr, hätten zwei Polen auf einen Landsmann eingeprügelt. „Da ist richtig Blut geflossen.“ Das sei aber zum Glück ein Einzelfall gewesen.

Ein kleines Mädchen läuft an vier Arbeitern vorbei. Foto: Rainer Rüffer
Ein kleines Mädchen läuft an vier Arbeitern vorbei.
Jörg Bannach, Leiter des Frankfurter Ordnungsamts, betont auf Nachfrage, dass der „Arbeiterstrich“ schon seit vielen Jahren existiere. Es sei bekannt, dass die Personen dort teilweise ihre Notdurft verrichten, weil keine öffentlichen Toiletten vorhanden seien. Auch eine „Entsorgung von Kleinabfällen“ durch die Wartenden sei festzustellen. Bei der Klientel handele es sich meist um „Osteuropäer aus der EU, die überwiegend als selbstständige Gewerbetreibende auftreten“.

Bannach kündigt an: „Die Stadtpolizei wird die Beschwerden zum Anlass nehmen, den Bereich in den kommenden Tagen näher zu beobachten und bei Verstößen gegen die Gefahrenabwehrverordnung oder das Kreislaufwirtschaftsgesetz entsprechend einschreiten.“ Der Behördenleiter betont aber auch, dass derzeit weder der Stadt- noch der Landespolizei Beschwerden vorliegen.

Die Anlieger bestätigen, dass sie die Missstände zuletzt nicht gemeldet hätten. Das soll sich nun ändern: Die Anwohnerin aus der Howaldtstraße hat schon Kontakt zum Vorsteher des zuständigen Ortsbeirats 4, Hermann Steib (Grüne), aufgenommen. Dieser sagte gestern, dass er die Informationen an die Fraktionen des Stadtteilgremiums weitergegeben habe. Beim Hauptzollamt Frankfurt ist der „Arbeiterstrich“ natürlich auch seit Jahren bekannt. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Behörde beteilige sich „mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln an den erforderlichen Maßnahmen zur Bewältigung der Probleme“, teilte Behördensprecherin Christine Straß gestern mit. Das geschehe „durch eine enge, abgestimmte Kooperation mit der Polizei und der Ordnungsbehörde“.

Begrenzte Möglichkeiten

Aus Behördenkreisen ist allerdings zu hören, dass die Möglichkeiten zum Einschreiten relativ begrenzt sind: „Auf der Straße zu stehen, ist keine Straftat und keine Ordnungswidrigkeit.“ Und alles andere müsse man den Arbeitern erst mal nachweisen.

Kommentare

  • Sindbad oder Münchhausen ?
    geschrieben von bandog (625 Beiträge) am 14.08.2017 19:10

    Der Seefahrer ist wohl der Meinung: Weil es überall Arbeiterstrichs gibt; muss es dir auch bei uns geben. Und wir sollten froh sein,dass unsere Frauen sich nicht im Ausland anbieten müssen.

    Mein lieber Freund -dies ist hier mal zur Klarstellung: Unsere Gewerkschaften kämpften generationenlang, damit es hier keinen Arbeiterstrich mehr gibt. Und unsere Eltern und Großeltern haben nach dem Krieg hart dafür gearbeitet, dass es in diesem Land keine Armutsprostitution mehr geben soll. Daher sind diese Kommentare völlig für die Katz. Es sei denn man befürwortet diese Form der Ausbeutung.Dann ist man in diesem Forum fehl am Platz.
    Ich sehe mich auch keineswegs als ein Gewinner der Globalisierung-das dürfte ich mit 98% der Leser dieser Zeitung gemeinsam haben. Sie können gerne noch dreimal oder fünfmal Ihren Kommentar hier einsetzen- es bleibt komprimierter,veritabler Unsinn. Keiner der Grabscher+Kriminellen vom Kölner Domplatz wird unsere Rente finanzieren. Auch wenn Merkel was anderes sagt.

  • Populismus hilft hier gar nichts
    geschrieben von Sindbad (3 Beiträge) am 14.08.2017 13:40

    Solche "Straßenstrichs" gibt es in jedem Land. In Rumänien sind es die Moldawier die sich anbieten, in Spanien Afrikaner usw.
    Seid froh, dass Deutsche sich nicht für ein paar Euros die Stunde in anderen Ländern anbieten müssen, dass Deutsche junge Frauen sich nicht in anderen Ländern für ein paar Euros anbieten müssen, um ihre Familien zu ernähren.
    Den Reichtum hier anzusammeln, als Gewinner der Eurokrise, als Gewinner der Globalisierung, bringt halt auch Armutsmigration mit sich.
    Und was die "Überfremdung" angeht, tut lieber was für Eure Geburtenrate als im Internet populistische Kommentare zu hinterlassen.

  • ja ja solche Kommentare kennen wir hier schon
    geschrieben von bandog (625 Beiträge) am 13.08.2017 06:59

    Die ganzen pseudointellektuell- linken Zecken melden sich dann hier und sind schlauer als der Rest der Welt. Verkrümelt euch doch in euer Lieblings- Bistro und lass dort eure schlauen Sprüche ab. Oder meldet echte Rezepte dagegen, anstatt anderen Meinungen sofort Populismus zu unterstellen und dem Rest ein schlechtes Gewissen zu insistieren. Ihr linken Klugscheißer habt doch erst solche Zustände herbeigeführt.

  • Populismus hilft hier gar nichts
    geschrieben von Sindbad (3 Beiträge) am 12.08.2017 22:53

    Solche "Straßenstrichs" gibt es in jedem Land. In Rumänien sind es die Moldawier die sich anbieten, in Spanien Afrikaner usw.
    Seid froh, dass Deutsche sich nicht für ein paar Euros die Stunde in anderen Ländern anbieten müssen, dass Deutsche junge Frauen sich nicht in anderen Ländern für ein paar Euros anbieten müssen, um ihre Familien zu ernähren.
    Den Reichtum hier anzusammeln, als Gewinner der Eurokrise, als Gewinner der Globalisierung, bringt halt auch Armutsmigration mit sich.
    Und was die "Überfremdung" angeht, tut lieber was für Eure Geburtenrate als im Internet populistische Kommentare zu hinterlassen.

  • Und was genau, nach Ihrer Meinung,
    geschrieben von PaulvonAmlehn (91 Beiträge) am 12.08.2017 17:37

    .... würde die SPD besser machen?

    Einen kleinen, winzigen Vorgeschmack darauf gibt je bereits dieser Artikel: Der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt heißt Feldmann und ist ein SPDler.



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