13.09.2017 11:03 | Rebecca Röhrich

40 Kilometer mit dem Rad: Frankfurt, deine Pendler: Jürgen Emig macht Strecke

Frankfurt Wenn der Volkswirt Jürgen Emig morgens in seinem Büro ankommt, hat er bereits 20 Kilometer in den Beinen. Denn er fährt von Schöneck-Kilianstädten nach Frankfurt mit dem Rad. Jeden Tag. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

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Wenn Jürgen Emig morgens um 6.15 Uhr losfährt, hat er die Sonne im Rücken. Je nach Jahreszeit schiebt sie sich dann im Laufe der Fahrt den Himmel empor. An einem Morgen taucht sie den Arbeitsweg in milchiges, gelbes Licht oder in flammendes Rot. Manchmal begleitet ihn auch nur graue Morgendämmerung. Gerade im Frühling und Herbst liegt in der Früh noch Nebel auf dem Feldern. Zu großen Teilen ist es eine schöne Strecke, die er tagtäglich zurücklegt. Sie führt über die Hohe Straße, ein asphaltierter Feldweg, eine alte Fernverbindung aus längst vergangenen Zeiten. Vorbei am Lausbaum, am Hühnerberg, an der großen Loh in Niederdorfelden bis nach Bergen-Enkheim. Ob wolkenverhangen oder strahlend blau, stets begleitet Emig ein weiter Himmel. „Manchmal bleibe ich stehen und schaue mir das an“, erzählt er. Manchmal sei er aber auch tief in Gedanken und nehme die Umgebung kaum war. Die Frankfurter Skyline ist auf der Hinfahrt immer in seinem Blick, sein Arbeitsplatz allgegenwärtig. Ein „Aha-Erlebnis“, findet er.

Jürgen emig schließt sein Rad im Fahrradkeller des Commerzbank-Towers an.

Für ihn bedeutet die tägliche Strecke auch Zeit für sich. Er kann dabei häufig seinen Gedanken nachhängen. Ein wesentlicher Aspekt für ein zufriedenes Leben trotz Pendelei, sagt Hannelore Hoffmann-Born. Sie ist Ärztin und leitet in Frankfurt das Verkehrsmedizinische Competenz-Centrum (VmCC) und berät unter anderem den TÜV-Hessen in verkehrsmedizinischen Belangen. „Es ist sehr wichtig, auch was für sich selbst zu tun“, sagt sie. Die käme bei Pendlern oft zu kurz und sei häufig ein wesentlicher Grund, warum das ständige Reisen von A nach B sich negativ auf die Gesundheit auswirken könne. Wer mehrere Stunden täglich zwischen Privatleben und Beruf unterwegs ist, müsse die restliche Zeit oft mit der Familie oder mit dem Partner verbringen. Wer Pflicht und Freude in der Form verbinden kann, wie es Jürgen Emig tut, lebt gesünder, sagt die Ärztin.

Die Kälte ist unbesiegbar

Die 40 Kilometer können aber auch trist und öde sein. Vor allem im Winter. Oder, wenn der Regen konstant ins Gesicht peitscht, der Westwind das Fahren schwerer machen. Dann ist die Landschaft, die die Hohe Straße durchmisst, grau und kalt. Und durch ihre ungeschützte Höhenlage auch ziemlich erbarmungslos. „Einmal“, erzählt er, „sei die Strecke bis zum Lohrberg total vereist gewesen.“ Acht Kilometer spiegelglatter Weg. Gestürzt ist er damals. Anderen Radfahrern war es ähnlich gegangen, mit dampfenden Mündern und vor Kälte roten Wangen stauten sie sich an einer Erhöhung. Man tat sich zusammen. An dem Tag kämpfte er sich vor bis zum Frankfurter Hauptfriedhof. Dort ließ er das Rad stehen. Seitdem ist Eis und Schnee beim Pendeln per Pedale für ihn tabu. Die Kälte ist unbesiegbar. Trotz spezieller Hand- und Schuhbekleidung sind Hände und Füße nach den 20 Kilometern kalt und taub.

Im Winter sind nach der Fahrt die Finger klamm- auch wenn er warme Handschuhe trägt.

Wenn Jürgen Emig gegen 7.20 Uhr in die Katakomben des Commerzbank-Towers  einfährt, ist noch nicht viel los. Die langen Reihen an Fahrradständern sind leer. In der Umkleide riecht es aber bereits nach Duschgel, Wasserdampf hängt in der Luft. Der Umkleideraum ist winzig und verwinkelt. Schmale Holzbänke drängen sich an den Wänden entlang. Kleidersäcke, Fahrradschuhe, Taschen – alles findet irgendwie Platz. Bunte Spinde stehen an den Wänden. Hinter der Umkleide ein Raum mit Dusche und Waschbecken. Mehrere Handtücher trocknen bereits an Haken. „Um die Uhrzeit ist noch nicht so viel los“, sagt Emig, während er seine Fahrradtasche auf eine der Bänke abstellt. Ein Kollege im Anzug schiebt sich an ihm vorbei. Ein weiterer steht gerade unter der Dusche. Frische Unterwäsche und ein Hemd bringt er täglich von zu Hause mit. Anzug und Büroschuhe warten in seinem eigenen Spint.


Nach 15 Minuten tritt ein anderer Jürgen Emig aus dem Umkleideraum. Dunkler Anzug, weißes Hemd, feine Schuhe. Der IT Koordinator geht ans Werk. Dann, gegen 17.30 Uhr trifft er seine Kollegen vom Morgen wieder unten. Dann streift er seinen Anzug vom Körper, packt das Hemd wieder in seine Tasche. Er zieht Outdoor-Hose, Hemd und Schuhe an, setzt Helm und Brille auf und fährt los. Durch das Westend, im Norden schlängelt er sich raus aus der Stadt. Über Felder und durch Wälder bis in den Main-Kinzig-Kreis nach Schöneck-Kilianstädten. Wie jeden Tag.

 
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